“Samson et Dalila” – Act 3
by Camille Saint-Saëns libretto (German)
| Dritter Akt |
| Erstes Bild |
| Das Gefängnis von Gaza |
| Erste Szene |
| (Samson, in Ketten gebunden, blind, die Haare geschoren, dreht eine Handmühle. Hinter der Bühne Chor der gefangenen Hebräer.) |
| Samson Sieh meine Not, ach! Sieh meine Verzweiflung! Erbarmen, Herr! Erbarmen mit meiner Schwachheit! Von deinem Wege bin ich abgewichen! Du hast mir deine schützende Hand entzogen. Ich opfere dir, o Gott, meine arme zerrissene Seele, dem Spott meiner Feinde bin ich nun ausgeliefert. Sie haben mir das Himmelslicht genommen; sie haben mich mit Bitterkeit und Haß erfüllt. Hebräer Samson, was hast du deinen Brüdern angetan? Samson, was hast du dem Gott deiner Väter angetan? Samson Ach! Israel ist gefesselt in Ketten, hat des Himmels Rache auf sich gezogen und nun keine Hoffnung mehr nach all dem Leid, das es ertrug. Laß unsere Stämme vor deinen Augen Gnade finden! Erspare deinem Volk den Schmerz! Erbarme dich ihrer Not, Herr, du, dessen Mitleid nie ermüdet! |
| Hebräer Gott hat uns deinen Händen anvertraut, uns zu führen im Kampf. Samson! Was hast du deinen Brüdern angetan? Samson! Was hast du deinen Brüdern angetan? Was hast du dem Gott deiner Väter angetan? Samson Brüder! Euer Klagegesang dringt zu mir in die dunkle Nacht, durchflutet mit Todesangst mein schuldbeladenes Herz. Gott! Nimm mein Leben als Opfer an, um deinen Zorn zu stillen! Hebräer Für eine Frau hat er uns verkauft ... Samson Von Israel ... Hebräer Für eine Frau hat er uns verkauft ... Samson ... wende deine Rache ab ... Hebräer ... hat Dalila für ihre Dienste bezahlt. Samson ... und deine Gerechtigkeit will ich preisen! Hebräer Sohn des Manoah, was hast du mit unserem Blut, mit unseren Tränen getan? Samson Dir liege ich reumütig zu Füßen, ich segne die Hand, die mich schlägt. Laß, Herr, dein Volk der Wut der Feinde entkommen! Hebräer Samson! Was hast du deinen Brüdern angetan? Was hast du dem Gott deiner Väter angetan? (Die Philister treten in den Kerker ein und bringen Samson fort.) |
| Zweites Bild |
| Zweite Szene |
| In Innern des Dagon-Tempels. Eine Statue des Gottes. Ein Opfertisch. In der Mitte des Heiligtums zwei Marmorsäulen, auf denen das Gebäude zu ruhen scheint. (Der Oberpriester des Gottes Dagon, von Philisterfürsten umgeben. Dalila in der Begleitung von jungen Philisterinnen mit Blumen im Haar und Kelchen in der Hand. Im Tempel drängt sich das Volk. Tagesanbruch.) |
| Philister Schon dämmert der Morgen über den Hügeln, löscht aus die Fackeln einer so herrlichen Nacht; wir wollen weiterfeiern, wenn auch der Tag schon graut, und uns noch mehr lieben! Die Liebe schenkt unseren Herzen Vergessen, im Morgenwind flieht der Schatten der Nacht wie ein leichter Schleier am Horizont. Im Osten rötet es sich, und hinter den Bergen leuchtet die Sonne, wirft ihre Strahlen der Erde in den Schoß. Bacchanal |
| Dritte Szene |
| (Samson von einem Kind geführt) Oberpriester Zum Gruß! Gegrüßt sei der Richter Israels, der unser Fest durch seine Gegenwart erheitern wird! Dalila! Laß einen Kelch für ihn füllen! Kredenze deinem Liebsten den Met! Er wird den Becher leeren auf das Wohl seiner Herrin und ihre Zauberkünste! Philister Samson! Samson! Wir trinken mit dir! Samson! Samson! Auf Dalila, deine Königin! Leere den Becher ohne Furcht! Der Rausch wird den Kummer vertreiben. Samson (beiseite) Zu Tode betrübt, Herr, beuge ich meine Stirn vor dir; möge durch deinen göttlichen Willen sich hier mein Schicksal erfüllen! |
| Dalila (geht auf Samson zu mit einem Pokal in der Hand) Laß mich deine Hand nehmen und dir den Weg zeigen wie einst auf dem dunklen Pfad, der ins Tal führt, als du mir folgtest und mich in deine Arme nahmst! Du hast die Berge erklettert, um zu mir zu gelangen, und ich wich meinen Freunden aus, um mit dir allein zu sein. Erinnere dich unserer Lust! Erinnere dich an meine Zärtlichkeit! Die Liebe diente meinem Plan. Um meine Rache zu stillen, habe ich dir das Geheimnis entrissen! Ich hatte es schon vorher verkauft. Du glaubtest an diese Liebe. Sie hat dich in Ketten gelegt. Dalila rächt nun ihren Gott, ihr Volk und seine Schmach. Philister Dalila rächt nun ihren Gott, ihr Volk und seine Schmach. Samson Als du sprachst, blieb ich taub; und in der Verirrung meines Herzens, o Herr, habe ich die Liebe entweiht, als ich dieser Frau sie schenkte. Oberpriester Nun los, Samson, laß uns lachen, wiederhole für deine Liebste die süßen Worte, das zarte Gesäusel, welches die Leidenschaft nährt! Soll sich Jehovah doch erbarmen und dich wieder sehend machen! Diesem mächtigen Gott will ich dienen, wenn er dein Gebet erhört! Doch er kann dir nicht helfen, dieser Gott, den du Vater nennst. So darf ich ihn verhöhnen, ihn hassen und spotten über seinen Zorn! Samson Du erlaubst, o Gott Israels, daß dieser dreiste Schwindelpriester in seiner Wut und seinem Zorn deinen Namen verhöhnt, der Himmel ist Zeuge! Wenn ich nur deine Ehre rächen könnte und unerwartet durch ein Wunder meine Kraft, mein Augenlicht, den Sieg zurückbekäme! |
| Philister (lachend) Ha! ha! ha! Ha! ha! ha! usw. Lachhaft ist sein Rasen! Du machst uns keine Angst! Ohnmächtig in deiner Wut siehst du gar nichts! Gib acht auf deine Schritte! Samson! Samson! Du siehst gar nichts! usw. Seine Wut ist zu lustig! Ha! ha! ha! usw. Oberpriester Komm, Dalila, wir wollen unsere Götter ehren, die Jehovah im Himmel erzittern lassen! Wir wollen Dagons Auspizien befragen! Ihm den Opferwein darbringen! |
| (Dalila und der Oberpriester wenden sich zum Opfertisch, wo sich die geweihten Kelche befinden. Ein Feuer brennt auf dem mit Blumen geschmückten Altar. Dalila und der Oberpriester ergreifen die Kelche und gießen ein Trankopfer in das Feuer, das aufflammt, verlöscht und bei der dritten Strophe des Opfergesangs wieder zu lodern beginnt. Samson steht in der Mitte der Bühne, neben ihm das Kind, das ihn führt. Überwältigt vom Schmerz, scheint er in ein Gebet versunken.) |
| Oberpriester und Dalila Dagon dem Sieger sei Ruhm! Er war meiner Schwachheit Beistand, gab mir Kraft, Gewandtheit und List. O du! der Größte von allen! Der du unsere Erde erschaffen hast, dein Geist sei mit uns, o Herr der Götter und der Menschen! Philister Segne unsere Herden mit deiner Hand! Bringe auf den Hügeln unseren Wein zur Reife! Gib wieder Ernte unseren Feldern, die Samson in seinem Haß so sehr verwüstet hat! |
| Dalila und Oberpriester Empfange von unseren Altären das Blut unserer Opfer, das Sterbliche dir bringen zur Sühne ihrer Schuld. Philister Ruhm sei Dagon! Dalila und Oberpriester Den Augen deiner göttlichen Priester, die allein dein Antlitz schauen dürfen, offenbare die Zukunft, die sich dem Blick der anderen Menschen entzieht! Philister Herr, sei gnädig unserem Schicksal! Gib deine Gerechtigkeit den Philistern, gib Ruhm und Ehre deinem Volk im Kampf! Möge der Sieg unserem Schritte folgen! Oberpriester Dagon offenbart sich! Dalila Dagon offenbart sich! Oberpriester Eine neue Flamme ... Dalila Eine neue Flamme ... Oberpriester ... lodert auf dem Altar aus der Asche empor. Dalila ... lodert auf dem Altar aus der Asche empor. Philister Dagon offenbart sich! Dagon offenbart sich! Eine neue Flamme, eine neue Flamme lodert auf dem Altar aus der Asche empor, lodert auf dem Altar aus der Asche empor. |
| Dalila und Oberpriester Der Unsterbliche steigt zu uns herab. Dieser Gott zeigt durch seine Gegenwart seine Stärke und Macht. Philister Dagon offenbart sich! Dagon offenbart sich! Dalila Ah! Philister Dagon offenbart sich! Dagon offenbart sich! Dalila Ah! Oberpriester Der Unsterbliche steigt zu uns herab. Philister Ah! Dalila Der Unsterbliche ... Philister Ah! Dalila ... steigt zu uns herab. Dalila und Oberpriester Dieser Gott zeigt durch seine Gegenwart seine Stärke und Macht hier an diesem Ort. Philister Dieser Gott zeigt, usw. |
| Oberpriester (zu Samson) Um das Schicksal gnädig zu stimmen, los, Samson, komm mit uns vor Dagon, den mächtigen Gott, opfere ihm deinen Kelch auf den Knien! (zu dem Kind) Führe ihn zur Mitte des Tempels, damit ihn das Volk von ferne sehen kann! Samson Herr, erleuchte mich, verlaß mich nicht! Bis zu den Marmorsäulen geleite mich, mein Kind! (Das Kind führt Samson zwischen die Säulen.) Philister Dagon offenbart sich! Eine neue Flamme lodert auf dem Altar aus der Asche empor. Dieser Gott zeigt durch seine Gegenwart hier an diesem Ort seine Stärke und Macht. Herr, sei gnädig unserem Schicksal! Gib deine Gerechtigkeit den Philistern, gib Ruhm und Ehre deinem Volk im Kampf! Möge der Sieg unserem Schritte folgen! Vor dir wird Israels Hochmut ganz klein. Du hast uns geleitet durch deinen Geist, im Kampf hast du durch deinen Spruch das verfluchte Volk besiegt ... Dalila und Oberpriester Ah! Philister ... das verfluchte Volk besiegt, das deinem Zorne, deinen Waffen trotzt! Dalila und Oberpriester Ah! Philister Herr, sei gnädig unserem Schicksal! Gib deine Gerechtigkeit den Philistern, gib Ruhm und Ehre deinem Volk im Kampf! |
| Dalila und Oberpriester Ah! Dalila, Oberpriester, Philister Möge der Sieg unseren Schritten folgen! Philister Dagon sei Ruhm! Dagon sei Ruhm! Ruhm! Ruhm! Ruhm! Samson (steht zwischen den beiden Säulen und versucht, sie zum Wanken zu bringen) Erinnere dich deines Dieners, dem sie das Augenlicht genommen! Gib mir nur einen Augenblick, Herr, meine einstige Stärke zurück! Damit ich dich räche, o Gott, und mich, sie hier an dieser Stelle vernichte! (Der Tempel stürzt ein unter dem Geschrei der Menge.) Dalila, Oberpriester, Philister Ah! |
| ENDE |