“Samson et Dalila” – Act 1
by Camille Saint-Saëns libretto (German)
| Erster Akt |
| Erste Szene |
| Ein großer Platz in der Stadt Gaza in Palästina; links die Säulenhalle des Dagon-Tempels. Das hebräische Volk – Männer und Frauen – ist in schmerzgebeugter Haltung auf dem Platz versammelt und betet. Unter ihnen ist Samson. Es ist Nacht. |
| Hebräer Gott! Gott Israels! Erhöre das Gebet deiner Kinder, die dich auf Knien anflehen, erbarme dich deines Volkes und seines Unglücks! Möge sein Schmerz deinen Zorn besiegen! Einst wandtest du dich von uns ab, und von diesem Tag an war dein Volk besiegt! Willst du, Herr, daß von allen Völkern jenes ausgelöscht werde, das dich kennt? Tagtäglich flehe ich zu dir, doch vergeblich; er ist taub meinen Worten, antwortet mir nicht! Und dennoch erflehe ich hier vom Abend bis zur Morgenröte die Hilfe seines Arms! Wir haben gesehen, wie unsere Städte verwüstet wurden, wie die Heiden deinen Altar geschändet haben; und unter ihrem Joch haben unsere Stämme alles verloren, sogar ihren Namen: Israel! Und unter ihrem Joch, usw. Bist du denn nicht mehr der Gott der Befreiung, der unser Volk aus Ägypten geführt hat? O Gott! Hast du dieses göttliche Bündnis gebrochen, das heilige Versprechen, das du unseren Ahnen gabst? Samson (tritt rechts aus der Menge hervor) Haltet ein, meine Brüder! Und preist den Namen des heiligen Gottes unserer Väter! Denn die Stunde der Vergebung steht vielleicht bevor! Ja, ich höre in meinem Herzen eine stolze Stimme! Es ist die Stimme des Herrn, die durch meinen Mund spricht: Dieser Gott voller Güte, den unser Gebet gerührt hat, verspricht uns die Freiheit! Brüder, so brechen wir unsere Ketten, errichten wir den Altar für den einen Gott Israels! |
| Hebräer Ach! Ach! Nur leere Worte! Wo sollen wir die Waffen finden, um in den Kampf zu ziehen? Wie sollen wir uns rüsten? Wir haben doch nur unsere Tränen! Samson Hast du ihn also vergessen, ihn, dessen Stärke sich einst mit dir verbündet hat? Ihn, der in seiner Güte so oft für dich hat seine Orakel sprechen lassen, ihn, der mit seinen Wundern deinem Glauben neue Kraft gab? Ihn, der durch das Meer unseren Vätern auf der Flucht aus schändlicher Sklaverei einen Weg zu bahnen wußte? Hebräer Die Zeiten sind vorbei, als der Gott unserer Väter seines Kinder beschützte, ihre Gebete erhörte! Samson Elende! Schweigt still! Mit euren Zweifeln lästert ihr Gott! Auf Knien wollen wir beten zum Herrn, der uns liebt! In seine Hände wollen wir legen die Sorge um unseren Ruhm und unsere Lenden gürten im Vertrauen auf den Sieg! Er ist der Gott des Kampfes! Er ist der Gott der Heerscharen! Er wird euch rüsten mit unbesiegbaren Klingen! Hebräer Ah! Der Geist des Herrn spricht aus ihm! So wollen wir aus unserem Herzen diese schändliche Angst verbannen! Wir wollen mit ihm ziehen im Kampf für unsere Freiheit! Jehovah! Jehovah! Jehovah! Jehovah! Jehovah geleitet ihn und gibt uns wieder Hoffnung! |
| Zweite Szene |
| (Abimelech tritt von links her auf, ihm folgen Krieger und Soldaten der Philister.) |
| Abimelech Wer nur erhebt hier seine Stimme? Schon wieder diese Sklavenhorde, die unserer Macht zu trotzen wagt und ihre Fesseln sprengen will! Laßt eure Seufzer und eure Tränen, die unsere Geduld erschöpfen; erfleht statt dessen die Gnade derer, die eure Herren wurden! Dieser Gott, zu dem ihr ruft, wollte euer Schreien nicht hören, und ihr wagt immer noch, zu ihm zu beten? Er liefert euch unserer Verachtung aus. Wenn seine Macht etwas taugt, soll er doch seine Göttlichkeit zeigen! Er soll eure Ketten zerbrechen, soll euch in die Freiheit entlassen! Glaubt ihr denn, dieser Gott käme Dagon gleich, dem größten Gott, der mit seinem mächtigen Arm unsere siegreichen Krieger lenkt? Von Angst erfüllt ist eure Gottheit, floh zitternd vor ihm, wie eine Taube feige flüchtet vor dem Geier, der sie verfolgt! Samson (erleuchtet) Du bist es, den sein Mund beleidigt, und die Erde hat noch nicht gezittert? O Herr, das Maß aller Demütigung ist voll! Ich sehe in der Engel Händen die feurigen Waffen blitzen, und vom Himmel herab eilen die Heerscharen zur Rache Gottes. Ja, selbst der Engel der Finsternis erschrickt vor ihnen, stößt höllische Schreie aus, die den Himmel erbeben lassen. Endlich ist die Stunde gekommen, die Stunde des rächenden Gottes, und ich höre, wie sein Grimm aus den Wolken hervorbricht. Ja, vor seinem Zorn erzittert alles und flieht! Man spürt, wie die Erde erbebt; am Himmel zuckt der Blitz! |
| Hebräer Ja, vor seinem Zorn erzittert alles und flieht! Abimelech Halt ein! Wahnsinniger, verwegener Narr ... Hebräer Man spürt, wie die Erde bebt; am Himmel zuckt der Blitz! Abimelech ... oder fürchte dich vor meinem Zorn! Samson Israel! Zerbrich deine Ketten! O mein Volk, erhebe dich! Komm und stille deinen Haß! Der Herr ist mit mir! O du, Gott des Lichtes, wie einst in alter Zeit erhöre mein Gebet und streite für deine Gesetze. Hebräer Israel! Zerbrich deine Ketten! usw. Samson Ja, vor seinem Zorn erzittert alles und flieht! Man spürt, wie die Erde bebt; am Himmel zuckt der Blitz! Er läßt Unwetter toben, gebietet dem Orkan; wenn er vorübergeht, weicht gar der Ozean! Hebräer Israel! Zerbrich deine Ketten! usw. Israel! Erhebe dich! Erhebe dich! (Abimelech stürzt sich mit dem Schwert in der Hand auf Samson, um ihn zu erschlagen. Samson entreißt ihm die Waffe und streckt ihn nieder. Die Philister in der Begleitung des Satrapen wollen ihm zu Hilfe eilen; Samson schwenkt sein Schwert und treibt sie zurück. Ihm gehört die rechte Seite der Bühne; unter den Philistern herrscht Panik. Samson und die Hebräer gehen nach rechts ab.) |
| Dritte Szene |
| (Die Pforten des Dagon-Tempels öffnen sich; der Oberpriester mit zahlreichen Dienern und Wächtern im Gefolge steigt die Stufen der Säulenhalle herab; vor der Leiche Abimelechs bleibt er stehen; die Philister weichen vor ihm zurück.) |
| Oberpriester Was sehe ich! Abimelech! Erschlagen von Sklaven! Warum laßt ihr sie entfliehen? Lauft, lauft, ihr tapferen Leute! Rächt euren Herrn, zermalmt unter euren Hieben dieses rebellische Volk, das sich eurem Zorn widersetzt! Erster Philister Ich spürte, wie das Blut mir in den Adern stockte; mir schien, man wollte mich in Ketten legen. Zweiter Philister Ich suche vergeblich meine Waffen, meine Arme sind kraftlos, mein Herz ist voller Furcht, mir zittern die Knie! Oberpriester Ihr Feiglinge! Feiger noch als Frauen! Ihr flieht, wenn es kämpfen heißt! Fürchtet ihr, das Feuer ihres Gottes könnte euch den Arm versengen? |
| Vierte Szene |
| (Ein Bote der Philister tritt auf.) Bote Der Philister Herr! Die wilde Horde, von Samson geführt, tobt durch unser Land und verwüstet die Ernte. Erster und Zweiter Philister Weichen wir der Gefahr! Erster und Zweiter Philister, Bote Rasch fort hier von diesem Ort! Herr, laß uns die Stadt verlassen, unsere Schmach verbergen! |
| Oberpriester Auf ewig verflucht sei die Rasse der Kinder Israels! Ich will ihre Spuren auslöschen, sie in Gift und Galle ertränken! Verflucht sei ihr Führer! Ich werde ihm die morschen Knochen, die schmachtende Kehle zertrampeln ohne geringstes Mitleid! Verflucht sei der Leib der Frau, die ihn geboren hat! So soll denn ein ehrloses Weib seine Liebe verraten! Verflucht sei der Gott, den er liebt, dieser Gott, seine einzige Hoffnung, dessen Altar und dessen Macht ich haßerfüllt stets schmähen werde! Bote, Erster und Zweiter Philister Fliehen wir in die Berge, verlassen wir diesen Ort, unsere Häuser, unsere Frauen und gar unsere Götter! Oberpriester Israel sei verflucht von unseren Göttern! (Sie gehen nach links ab und nehmen Abimelechs Leiche mit. Sobald die Philister und der Oberpriester die Bühne verlassen haben, treten die Hebräer, Frauen und alte Männer, von links her auf.) |
| Fünfte Szene |
| Alte Hebräer Lobgesang der Freude, Lobgesang der Befreiung, steige zum Ewigen empor! Er hat in seiner Allmacht geruht, Israel beizustehen! Durch ihn ist der Schwache zum Herrn des Starken geworden, der ihn unterdrückte! Er hat den Stolzen besiegt und den Verräter, dessen Stimme ihn beleidigte! (Die Hebräer, von Samson geführt, treten von links auf.) Ein Alter Hebräer Er strafte uns mit seinem Zorn, denn wir haben seine Gebote übertreten. Später, die Stirn in den Staub gebeugt, erhoben wir zu ihm unsere Stimme. Er sprach zu seinen geliebten Stämmen: Erhebt euch, zieht in den Kampf! Ich bin der Herr der Heerscharen, ich bin die Stärke eures Arms! Alte Hebräer, Ein Alter Hebräer Er wandte sich uns zu in unserer Not, denn seine Söhne sind ihm teuer. Die Welt soll vor Freude erbeben! Er hat unsere Fesseln gesprengt! Lobgesang der Freude, Lobgesang der Befreiung, steige zum Ewigen empor! Er hat in seiner Allmacht geruht, Israel beizustehen! |
| Sechste Szene |
| (Die Pforten des Dagon-Tempels öffnen sich. Dalila erscheint, hinter ihr Philisterinnen mit Blumengirlanden in der Hand.) |
| Philisterinnen Der Lenz ist da, er bringt uns Blumen, die Stirn der siegreichen Krieger zu schmücken! Zarter Gesang erklinge zum Duft der Rosen, deren Knospen sich öffnen! Mit den Vögeln wollen wir singen, Schwestern! Schönheit, Himmelsgabe, Lenz unserer Tage, süße Augenweide, Hoffnung der Liebenden, dringe in unser Herz, entzünde in unserer Seele deine zarten Flammen! Wir wollen lieben, meine Schwestern, ewig lieben! Dalila (zu Samson) Ich komme, den Sieg dessen zu feiern, der mein Herz regiert. Dalila wünscht ihrem Bezwinger noch viel mehr Liebe als Ruhm! O mein Geliebter, folge meinem Weg nach Sorek, in das liebliche Tal, in das einsame Haus, wo Dalila die Arme dir öffnet! Samson (beiseite) O Gott! Der du meine Schwachheit siehst, erbarme dich deines Dieners! Verschließe mir die Augen, das Herz vor der schmeichelnden Stimme der Versuchung! Dalila Für dich habe ich die Stirn bekränzt mit dunklen Ligusterzweigen und mir Rosen aus Saron in mein pechschwarzes Haar gesteckt! |
| Alter Hebräer Weiche mein Sohn, von ihrem Wege! Fürchte und meide dieses fremde Mädchen! Samson Verhülle ihr Antlitz, dessen Schönheit mir Sinne und Seele vernebelt! Und in ihren Augen lösche die Flamme aus, die mich meiner Freiheit beraubt! Alter Hebräer Verschließe dein Ohr vor ihren Lügen, meide das Gift dieser Schlange. Dalila Süß ist der Duft der Maiglöckchen; süßer noch sind meine Küsse; und der Saft der Alraune schmeckt nicht so köstlich, Geliebter! Nimm deine Liebste in die Arme, laß sie an deinem Herzen ruhen wie ein Kissen süßer Düfte, dessen Wohlgeruch berauscht. Ach! Komm! Samson Lodernde Flamme, die mich verzehrt, die sie von neuem hier in mir entfacht, verlösche doch, verlösche doch, bei Gott! Erbarmen, Herr, erhöre mein Flehen! Ach! Erbarmen, Herr, erhöre mein Flehen! Herr! Alter Hebräer Weh dir, wenn du dem Gesäusel dieser Stimme erliegst, dieser Stimme, noch süßer als Honig! Nie werden deine Augen genug Tränen haben, den Zorn des Himmels auszulöschen! Tanz der Priesterinnen Dagons (Die jungen Mädchen in Dalilas Begleitung tanzen und schwenken die Blumengirlanden, die sie in der Hand halten, und scheinen damit die hebräischen Krieger in Samsons Begleitung reizen zu wollen. Samson, sichtlich verwirrt, versucht vergeblich, Dalilas Blicken auszuweichen; wider seinen Willen verfolgt er mit den Augen alle Bewegungen der Verführerin, die sich mit sinnlichen Posen und Bewegungen am Tanz der jungen Philisterinnen beteiligt.) |
| Dalila Der Lenz hebt an, mit Hoffnung erfüllt er die liebenden Herzen. Dein wehender Atem tilgt von der Erde die Spuren trüber Tage. Uns brennt in der Seele sanft dein Feuer, làßt unsere Tränen trocknen; auf geheimnisvolle Weise gibst du unserer Erde wieder Blumen und Früchte. Was taugt meine Schönheit! Mein Herz voller Liebe weint um den Treulosen, erwartet ihn zurück! Hoffnungsvoll zehrt trübselig mein Herz von der Erinnerung an vergangenes Glück! (Sie wendet sich an Samson.) Wenn die Nacht hereinbricht, setze ich mich heute traurig unten ans Wasser und warte weinend auf ihn! Meine Trauer wird weichen, wenn er wiederkehrt. Ihm gilt meine Zärtlichkeit, und der süße Rausch lodernder Leidenschaft bleibt ihm bewahrt! Aler Hebräer Ein böser Geist hat diese Frau auf deinen Weg geschickt, deine Ruhe zu stören. Meide die lodernde Flamme ihrer Blicke! Dieses Gift, das deine Kräfte verzehrt. Dalila Meine Trauer wird weichen, wenn er wiederkehrt. Ihm gilt meine Zärtlichkeit ... (Dalila geht zu den Tempelstufen zurück und sieht Samson herausfordernd an; dieser scheint ihrem Charme erlegen zu sein. Seinem Zögern ist der innere Kampf und seine Verwirrung anzumerken.) ... Ihm gilt meine Zärtlichkeit! Und der süße Rausch lodernder Leidenschaft bleibt ihm bewahrt! |