“Samson et Dalila” – Act 2

by Camille Saint-Saëns libretto (German)


Zweiter Akt
Vorspiel

Erste Szene
Das Tal Sorek in Palästina. Links Dalilas Haus mit einer kleinen Säulenhalle, umgeben von asiatischen Pflanzen und üppig wuchernden Lianen. Der Vorhang hebt sich über der Abenddämmerung, und im Verlauf des Aktes wird es allmählich immer dunkler.

(Dalila, aufreizender gekleidet als im ersten Akt, sitzt in Gedanken versunken auf einem Felsen in der Nähe ihres Hauses.)
Dalila
Samson wird mich aufsuchen wollen,
er kommt gewiß heute abend hierher.
Das ist die Stunde der Rache,
die unseren Göttern Genugtuung bringt!
Liebe! Hilf mir in meiner Schwachheit!
Gieße das Gift in seine Brust!
Sorge, daß umgarnt durch meine Tücke
Samson morgen bezwungen ist!
Vergeblich möchte er wohl mich vertreiben
aus seinem Herzen, mich verbannen!
Wie könnte er die Flamme löschen,
die von der Erinnerung Nahrung erhält?
Er gehört mir, er ist mein Sklave!
Meine Brüder fürchten seinen Zorn,
ich ganz allein vermag ihm zu trotzen,
zwinge ihn mir zu Füßen!
Liebe! Hilf mir in meiner Schwachheit!
Gieße das Gift in seine Brust!
Sorge, daß umgarnt durch meine Tücke
Samson morgen bezwungen ist!
Gegen die Liebe ist er wehrlos,
er, der Stärkste unter allen Starken,
er, der eines Volkes Ketten gesprengt hat,
wird meinem Zauber erliegen.
 
Zweite Szene
(Der Oberpriester tritt ein.)

Oberpriester
Ich bin ins Gebirge gestiegen,
um zu dir zu gelangen;
Dagon, der mich geleitet,
hat mich zu deinem Haus geführt.
 
Dalila
Seid gegrüßt, mein Vater!
Seid willkommen, hier, wo man euch verehrt!

Oberpriester
Unser Schicksal ist dir bekannt.
Mit leichtem Sieg
haben die hebràischen Sklaven
unsere Stadt in ihre Hand gebracht.
Unsere Soldaten sind vor ihnen
voller Entsetzen geflohen,
als sie nur Samsons Namen hörten.
Seine schreckenerregende Kühnheit
hat ihren Verstand verwirrt.
Verhängnisvoll für unser Volk!
Von seinem Gott erhielt er
die Kraft und diesen Mut,
gebunden an ein Gelübde.
Von Geburt an ist Samson
vom Himmel auserwählt,
das Volk Israel wieder
an die Macht zu bringen.

Dalila
(bitter)
Ich weiß, daß sein Mut
euren Zorn herausfordert
und sich keine Untat denken läßt,
die er euch nicht zugedacht hätte.

Oberpriester
Dir zu Füßen hat seine Kraft ihn einst verlassen;
doch seitdem müht er sich, Dalila zu vergessen.
Es heißt, er habe die Neigung zu dir
aus seiner Seele gebannt,
er scherzt über diese Liebe,
die nur einen Tag alt wurde!

Dalila
Ich weiß. Von seinen Brüdern
hört Samson bittere Vorwürfe,
sie warnen ihn ständig
vor unserer Liebe,
doch er kämpft vergeblich
gegen seinen Willen an.
Ich weiß, wie sehr er mich liebt,
und mein Herz fürchtet nichts.
Er sucht vergeblich mir zu widerstehen;
er ist stark im Kampf,
doch er ist mein Sklave
und zittert in meinen Armen.
 
Oberpriester
Sei uns dienlich mit deiner Macht!
Gewähre uns deine Hilfe!
Daß er wehrlos und hinterrücks
noch heute überwältigt werde!
Verkaufe mir deinen Sklaven Samson!
Den Preis für ihn zahle ich gern,
und das sind nicht leere Worte:
Du kannst aus meinen Schätzen wählen.

Dalila
Was kümmert Dalila dein Gold?
Was könnte ein ganzer Schatz ausrichten,
wenn ich mir selbst die Rache nicht erträumte?
Auch dich habe ich bei all deiner Weisheit
mit dieser Liebe getäuscht.
Samson hat euch einmal bezwungen,
doch mich hat er nicht besiegen können,
denn ich hasse ihn so sehr wie du!

Oberpriester
Ich hätte deinen Haß und deinen Plan erraten können!
Mein Herz hüpft vor Freude, wenn ich dich reden höre.
Doch hast du nicht schon oft genug an ihm vergeblich
deine Macht gemessen, deine Kunst erprobt?

Dalila
Ja! ... dreimal schon habe ich insgeheim
das Geheimnis seiner Kraft zu ergründen versucht.
Ich habe diese Liebe entfacht, hoffte, ihre Flamme
würde mich das Rätsel in seiner Seele ergründen lassen.
Doch schon dreimal hat er meinen Plan durchkreuzt,
hat nichts preisgegeben, hat mir nichts verraten.
Vergeblich habe ich wilde Leidenschaft geheuchelt,
hoffte, durch meine Zärtlichkeit sein Herz zu erweichen!
Ich sah den stolzen Helden von meinen Armen umschlungen,
er riß sich von meinem Lager los, eilte fort in den Kampf.
Doch heute ist er meiner Macht erlegen,
ich habe ihn vor mir erbleichen, erzittern sehen,
und ich weiß es, jetzt läßt er sein Volk im Stich,
kommt hierher, das Band unserer Liebe neu zu knüpfen.
Für diesen letzten Kampf bin ich gerüstet:
Samson wird meinen Tränen nicht widerstehen.
 
Oberpriester
Möge Dagon, unser Gott, seine Arme ausbreiten!
Im Kampf für seine Ehre wirst du mit seiner Hilfe siegen!

Dalila
Ich muß, um meinen Haß zu stillen,
ich muß ihn mit meinem Zauber umgarnen!
Er soll, von der Liebe besiegt,
seine Stirn vor mir beugen!

Oberpriester
Ich will, um meinen Haß zu stillen,
ich will, daß Dalila ihn umgarne;
er soll, von der Liebe besiegt,
seine Stirn vor ihr beugen!

Dalila
Ich muß, um meinen Haß zu stillen, usw.

Oberpriester
Du bist meine einzige Hoffnung,
nur dir gebührt die Ehre der Rache! Nur dir!
Ich will, um meinen Haß zu stillen, usw.

Dalila
Mir gebührt die Ehre der Rache!
Mir die Ehre! Mir!
Ich muß, um meinen Haß zu stillen, usw.
Ah!

Dalila und Oberpriester
Wir beide wollen uns verbünden!
Wir beide wollen uns verbünden!
Tod! Tod! Tod! Tod! Tod!
Tod dem Führer der Hebräer!

Oberpriester
Samson, sagtest du, käme heute hierher?

Dalila
Ich erwarte ihn!

Oberpriester
Dann gehe ich besser, er könnte uns überraschen.
Bald komme ich wieder auf geheimem Wege.
Das Schicksal meines Volkes, o Frau, liegt in deiner Hand.
 
Zerbrich die harte Schale um sein Herz,
entdecke das Geheimnis seiner großen Kraft!
(Er geht ab.)

Dalila
(Sie geht von der linken Seite der Bühne auf ihr Haus zu und lehnt sich nachdenklich an eine der Säulen.)
Könnte es sein, daß auf sein Herz
die Liebe keine Macht mehr hat?
Die Nacht ist so dunkel und ohne Licht ...
Nichts deutet auf seine Gegenwart.
Ach!
Er kommt nicht!
(Samson kommt von rechts. Er scheint erregt und verwirrt, er zögert und schaut sich um. Es wird noch dunkler.)
Dritte Szene
(Blitze in der Ferne)

Samson
An diesen Ort kehre ich zurück, ganz gegen meinen Willen ...
Ich möchte fliehen, ach! und kann nicht!
Ich verfluche meine Liebe ... und doch liebe ich noch immer ...
Fort, nur fort von diesem Ort, wohin meine Schwachheit mich drängt!
 
Dalila
(geht auf Samson zu)
Du bist es! Du bist es, mein Geliebter! Ich habe dich erwartet!
Wenn ich dich sehe, vergesse ich die Stunden meines Leidens!
Sei mir gegrüßt, mein zärtlicher Gebieter!

Samson
Laß diesen Überschwang!
Deine Worte höre ich nicht ohne Reue und Scham!

Dalila
Samson! O du! mein Geliebter,
weshalb verschmähst du meine Zärtlichkeit?
Weshalb wendest du dich von mir ab,
willst mich nicht mehr liebkosen?

Samson
Du warst immer meinem Herzen teuer,
und du wirst es ewig bleiben!
Ich gäbe so gern mein Leben
für diese Liebe, die mich glücklich machte!
 
Dalila
In meiner Nähe, bei mir weshalb solche Angst?
Mißtraust du gar meinem Herzen?
Bist du nicht mein Herr und Meister?
Hat die Liebe ihren Reiz für dich verloren?

Samson
Ach! Als Sklave meines Gottes
füge ich mich seinem heiligen Willen;
wir müssen Abschied nehmen,
ohne Furcht und ohne Klagen
die zarten Fesseln unserer Liebe lösen.
Für Israel erwacht neue Hoffnung.
Der Herr hat den Tag bestimmt, der uns die Freiheit schenken wird!
Er sprach zu seinem Diener:
Ich habe dich auserwählt,
deine Brüder zum Herrn zu führen
und ihrem Elend ein Ende zu bereiten.

Dalila
Was kümmert mich in meiner Traurigkeit
das Schicksal Israels und seine Ehre?
Für mich ist entgangenes Glück
das einzige Ergebnis deines Sieges.
Die Liebe hat mir den Verstand verwirrt,
als ich deinen Schwüren glaubte,
und ich habe doch nur Gift getrunken,
als deine Liebkosungen mich berauschten.

Samson
Ach! Quäle mich doch nicht noch mehr!
Ich folge dem Gebot des Allerhöchsten ...
Deine Tränen geben meinem Schmerz neue Nahrung!
Dalila! Dalila! Ich liebe dich!
(Blitze in der Ferne)

Dalila
Ein mächtigerer Gott als der deine,
mein Freund, spricht aus meinem Mund zu dir:
Der Gott der Liebe, er ist mein Gott!
Und wenn die Erinnerung dir etwas wert ist,
so denke an jene schönen Tage,
als du zu Füßen deiner Liebsten saßest
und sie ewig zu lieben versprachst,
doch nur sie allein, ach! blieb dir treu!

Samson
Du bist von Sinnen! Wagst, mich anzuklagen,
wo ich mich so sehr nach dir verzehre!
Ja! Würde mich der Blitz doch erschlagen,
würde mich sein Feuer doch vernichten,
(Die Blitze kommen näher.)
meine Liebe zu dir ist so groß,
daß ich dich Gott zum Trotz zu lieben wage!
Ja! Wenn ich gar daran zugrundeginge,
Dalila! Dalila! Ich liebe dich!
 
Dalila
Mein Herz öffnet sich deiner Stimme, wie sich die Blumen
den Küssen der Morgenröte öffnen!
Doch, mein Geliebter, um meine Tränen ganz zu trocknen,
sprich weiter zu mir!
Sage mir, daß du zu Dalila für immer zurückkehrst!
Wiederhole mir doch
die Schwüre von einst, die Schwüre, die ich so liebte!
Ach! Sei wieder zärtlich zu mir!
Laß mich trunken sein vor Glück!
Sei wieder zärtlich zu mir, usw.

Samson
Dalila! Dalila! Ich liebe dich!

Dalila
Wie man die Kornähren in sanfter Brise
sich wiegen sieht,
so erzittert mein Herz
in der Hoffnung auf Trost
von deiner so geliebten Stimme!
Der todbringende Pfeil fliegt nicht so schnell zum Ziel
wie deine Geliebte dir in die Arme!
Dir in die Arme!
Ach! Sei wieder zärtlich zu mir!
Laß mich trunken sein vor Glück!
Sei wieder zärtlich zu mir, usw.

Samson
Mit meinen Küssen will ich deine Tränen trocknen,
die Angst aus deinem Herzen vertreiben!
Ich will deine Tränen trocknen!
Ich will deine Tränen trocknen!
Dalila! Dalila! Ich liebe dich!
(heftiger Donnerschlag)

Dalila
Aber! ... nein! Was sage ich? Ach! traurig ist Dalila,
zweifelt an deinen Worten.
Du hast mich schon einmal in die Irre geführt,
hast mich mit deinen falschen Schwüren getäuscht!
 
Samson
Wenn ich für dich gar Gott zu vergessen wage,
seine Ehre, mein Volk und meinen Schwur!
Diesen Gott, der mich schon bei Geburt
mit seiner Macht heiligem Siegel versah!

Dalila
Nun ja! Versuche, meine Liebe zu verstehen!
Dein Gott ist es, den ich beneide!
Diesen Gott, der dich zur Welt gebracht hat,
diesen Gott, der dein Leben geweiht hat!
Der Schwur, der dich an diesen Gott bindet,
und deinem Arm furchterregende Kraft gibt,
gestehe meiner Liebe seinen Inhalt!
Vertreibe den Zweifel, der mich so quält!
(Blitze und Donner in der Ferne)

Samson
Dalila! Was verlangst du von mir?
Fürchte nicht, daß ich dir mißtraue!

Dalila
Wenn mir meine Macht geblieben ist,
so will ich heute sie erproben,
ich will deine Liebe erproben,
verlange von dir Vertrauen.
(Blitze und Donner kommen immer näher.)

Samson
Ach! Was bedeutet für dein Glück
das heilige Band, das mich fesselt,
dieses Geheimnis, verborgen in meinem Herzen?

Dalila
Mit dem Bekenntnis lindere meinen Schmerz!

Samson
Du mühst dich vergeblich, es mir zu entreißen!

Dalila
Ja! Nichts wert ist meine Macht,
nichts wert ist deine Zärtlichkeit!
Wenn ich es kennen will,
dieses Geheimnis, das mich verletzt,
es mit dir teilen will,
so wagst du, in deinem Innern
ohne Scham und Mitgefühl,
mir zu sagen, ich sei es nicht wert?

Samson
Unermeßlich ist der Schmerz,
der auf meiner Seele lastet!
Aus tiefer Not, Herr,
rufe ich zu dir.
 
Dalila
Ich hatte mich für ihn geschmückt
in der Schönheit meiner Jugend!
Jetzt habe ich nichts mehr,
kann nur noch Tränen weinen.

Samson
Allmächtiger Gott, ich erflehe deine Hilfe!

Dalila
Meine Stimme ist zu schwach,
das letzte Lebewohl zu sagen.
Fliehe! Samson, fliehe diesen Ort,
wo deine Liebste sterben wird!

Samson
Laß mich!

Dalila
Dein Geheimnis?

Samson
Ich kann nicht.

Dalila
Dein Geheimnis? Das Geheimnis, das mich so quält!

Samson
Das Unwetter auf diesen Bergen
entfesselt seinen Zorn.
Der Herr läßt über uns
seinen Donner grollen.

Dalila
Ich trotze ihm mit dir.
Komm!

Samson
Nein!

Dalila
Komm!

Samson
Laß mich!
Ich kann mich nicht entschließen ...

Dalila
Was kümmert mich der Donner!
 
Samson
Es ist die Stimme meines Gottes.

Dalila
Feigling! Herzloser Mensch!
Ich verachte dich!
Leb wohl!
(Dalila läuft zu ihrem Haus; das Unwetter tobt mit aller Gewalt. Samson hebt die Arme zum Himmel, als wolle er Gott anrufen. Er stürzt hinter Dalila her, zögert und tritt schließlich in ihr Haus. Von rechts nähern sich Soldaten der Philister leise dem Haus Dalilas. Heftiger Donnerschlag. Dalila erscheint am Fenster:)
Zu mir! Philister! Zu mir!

Samson
Verrat!
(Die Soldaten stürzen in Dalilas Haus.)
libretto by Gudrun Meier