“Faust” – Act 5
by Charles Gounod libretto (German)
| FÜNFTER AKT |
| Erste Szene |
| Im Harzgebirge (Walpurgisnacht, Dämonen und Hexen feiern ihren Sabbat.) Chor Der Irrlichter Hexen zum Brocken in Scharen ziehn, gelb sind die Stoppeln, die Saaten grün, breit sind die Wege, voles vollauf, wimmelnd am Stege wälzt sich der Hauf. Hoho, hoho! Von nah und fern herbei ihr alle! Wir sehn euch gern, flackernde Lichter, schleichet herbei! Höllengelichter, heut’ seid ihr frei! (Mephisto und Faust erscheinen.) Faust Verweile! Mephisto Hast du vergessen schon, dass du mir versprachst, mir zu folgen? Faust Wo sind wir jetzt? Mephisto Auf meinem Throne! Denn hier, mein Freund, beginnt mein Reich! So feiert denn Walpurgisnacht! |
| Stimmen Aus Der Ferne Wir feiern nun Walpurgisnacht! Hu! Hu! Faust Mein Blut erstarrt! (Er will entfliehen.) Mephisto (ihn zurückhaltend) Im Nu des Orientes üpp’ge Pracht auf meinen Wink dir nun entgegenlacht! (Auf Mephistos Wink öffnen sich die Berge; man sieht einen prachtvollen Palast, Königinnen und Frauen der Vorzeit beim Mahle.) |
| Bis naht das erste Morgenrot, fern dem Aug’ des Ungeweihten, schau dem Feste zu, wo Zauber sich an Zauber reihten! Chor Auf, den Becher füllet, auf, füllt ihn bis zum Rand, ja, in Wollust hüllet uns der Liebe Band! Mephisto Der Schönheit Königinnen, der Vorzeit Fürstinnen, Kleopatra voll Glanz und Lais reich geschmückt, in Zauber hüllt uns ganz, durch Lieb’ und Lust beglückt! (Er reicht Faust einen Becher.) Fort, fort mit des Herzens Sehnen, fort des Herzens Sehnen, Fiebers Wahn, vorbei! Nimm froh die Schale, und magst du wähnen, Vergessen drin enthalten sei! Chor Auf, den Becker füllet, auf, füllt ihn bis zum Rand, usw. (Faust greift zum Becher.) Faust In des Nektars weißen Schaum senke ich die Seele mein. Chor O süßer Nektar! Faust In des Äthers weiten Raum jeden Schmerz und jede Pein… |
| Chor O süßer Nektar! Faust …weht Labung mir entgegen, die heiße Stirne kühlt. Chor O süßer Nektar! Faust Ja, schon fühl’ ich’s neu sich regen, Sinnenlust die Brust erfüllt. Mephisto, Chor Aus des Bechers weißem Schaum schlürfe nun Vergessen ein! Faust Lass mich küssen, lass mich schauen, sterben lass in Wein mich hier. Chor O süße Lust! Faust Flüchtig dem Genuss nun trauen, ihn erhaschen mit Begier. Chor O süße Lust! Faust Der Sinne heiße Triebe, entflammet uns auf’s neu’! Chor O süße Lust! Faust Ja, im heißen Rausch der Liebe jeder Schmerz versenket sei! Mephisto, Chor Ja, im heißen Rausch der Liebe jeder Schmerz versenket sei! (Am Höhepunkt der Orgie erscheint Vision von Margarethe. Faust sieht sie nicht.) Mephisto Besiege nun, o üpp’ge Lust, jeden Drang der Reue in seinem Herzen! |
| (Faust erblickt plötzlich Margarethe und wirft seinen Becher zu Boden. Der Palast und die Frauen versinken. Er und Mephisto sind wieder auf dem Brocken.) Was siehst du dort? Faust Siehst du sie nicht? Dort vor uns, stumm und bleich! Und um den schönen Hals ein rotes Band sich schlingt! Mephisto Vision! Faust Einem Schnitte gleicht’s! Mephisto Hexenspuk! Faust Ja, einem Schnitte gleicht’s von einem Henkersbeile! Mephisto Zauberbild! (Die Vision verschwindet.) Faust Margarethe! Entsetzen umklammert das Herz! Ich muss zu ihr! Dies fordre ich von dir! (Er zieht Mephisto mit sich fort und bahnt sich mit gezogenem Degen einen Weg durch die Menge der Geister.) |
| Intermezzo |
| Zweite Szene |
| Das Gefängnis (Margarethe liegt schlafend auf dem Boden. Mephisto und Faust kommen.) Faust Geh jetzt! Mephisto Der Tag bricht an, man baut das Blutgerüst; drum eilet schnell, sonst werdet ihr’s bereuen. Der Wächter schläft, die Schlüssel nehmt, ihr müsst mit eigner Hand sie selbst befreien. Faust Lasse mich! |
| Mephisto Macht schnell! Ich wache vor der Tür! (Er geht ab.) Faust Welch tiefer Jammer drückt mich nieder! Angst und Gram packt mich! Man warf sie in den feuchten Kerker hier! Sie ist es, ach, in den Ketten muss ich sie hier schauen, in Ketten muss ich sie hier schauen wie eine niedre Sünderin! Argloser Wahn soll so schwer sich rächen! Ihr armes Kind, o Gott, ist tot durch ihr Verbrechen! Margarethe! Margarethe (erwachend) Ach! Ach, er ist’s, er hat mich genannt, ich hab des Freundes Stimme erkannt! Faust Margarethe! Margarethe Durch der bösen Geister grimmen Hohn drang in mein Herz der lieben Stimme Ton! Faust Margarethe! Margarethe Seine Hand, die meine drückt, ich bin frei, er ist da! Bin hoch beglückt! Nicht mehr trüb und bange ist nun des Kerkers Qual, des Kerkers Qual! Endlich fand’st du mich, alles Leid entschwand! Du bist mein All, du bist mein Glück! Faust Ach, ich dich umfange, nicht mehr trüb und bange ist nun des Kerkers Qual! Ich dich endlich fand, alles Leid entschwand! Mein Glück! Mein Glück, mein Herz! (Er versucht, sie mit sich zu ziehen. Sie macht sich los.) |
| Margarethe O wart’! Hier ist die Straße wo ich zuerst dich sah. Du botest mir den Arm, errötend stand ich da! „Mein schönes Fräulein, darf ich wagen, meinen Arm und Geleit Ihr anzutragen?“ „Nein, mein Herr, bin weder Fräulein, weder schön, kann ungeleitet nach Hause gehn.“ Faust Ja, ich weiß es bestimmt, doch komm, wir müssen eilen! Margarethe Hier im Garten so wunderschön, voll von duftenden Blüten, wo du heimlich kamst, mich treu zu behüten. Faust Komm, komm, Margarethe! Margarethe Nein! Faust Komm, komm, eile! Margarethe Nein, bleibe, o bleibe! Faust O Gott! Sie hört nicht mein Fleh’n! (Mephisto erscheint wieder.) Mephisto Auf, eilet, auf, eilet! Schon naht sich der Morgen, folgt ihr mir nicht sogleich, so lass ich Euch im Stich! Margarethe Der Dämon! Der Dämon! Siehst du dort ihn sich erheben? Er stiert uns an! O schick ihn fort! Was will der hier, der hier am heiligen Ort? Mephisto Auf, rette ihr Leben der Tag naht heran, meine Pferde stehen, die Morgenluft weht schaudernd sie an! (Er versucht, Faust mit sich zu ziehen.) |
| Komm! Rette ihr Leben! Der Tag naht heran, meine Pferde dort stehen. Margarethe O Gott, beschütze mich! O Gott, höre mein Flehen! Faust Komm! Lass uns fliehen, es leuchtet der Morgen schon klar! Margarethe Engelchor! Himmlische Schar! Meine Seele gnädig bewahr’! O Gott, schenke mir Erbarmen! O Gott, dir befehl’ ich mich an! Faust Gretchen, o komm! Folge mir! Margarethe Engelchor! Himmlische Schar! Meine Seele gnädig bewahr’! Mephisto Fort nur schnell! Man nahet! Faust Folg’ mir, o komm! Margarethe O Gott, schenke mir Erbarmen! Ich bau’ auf dich, mein Gott! Faust Folg’ mir, o komm, ich will’s! Komm, komm, folge mir! Es leuchtet schon der Morgen klar! Komm, ich bin’s, der dich drum bittet! Es leuchtet schon der Morgen klar! Mephisto Auf eilt, schon naht der Morgen sich, schon naht der Morgen klar! Folget mir, wir müssen nun eilen! Auf, eilt, schon naht sich der Tag! Margarethe Engelchor! Himmlische Schar! Gnädig meine Seele bewahr’! Faust Margarethe! |
| Margarethe Warum ist dein Blick so voll Wut? Faust Margarethe! Margarethe Warum sind deine Hände voll Blut? Fort, es graust mir vor dir! (Sie sinkt leblos zu Boden.) Faust Ah! Mephisto Gerichtet! Chor Von Engeln Gerettet! Christ ist erstanden aus Tod und Banden, Heil und Frieden er verheißt, euch beglückt, Welten, preist! Ja, aus Tod und Banden Christ ist erstanden! |
| Anhang |
| Ballettmusik — Walpurgisnacht In der Fassung für die Pariser Oper ist die folgende Ballettmusik Teil der Walpurgisnacht-Szene im fünften Akt. Nr. 1. Tanz der Nubier Nr. 2. Adagio Nr. 3. Antiker Tanz Nr. 4. Cleopatras Variationen Nr. 5. Die Frauen von Troja Nr. 6. Spiegelvariationen Nr. 7. Phrynès Tanz Ende der Oper |