“Faust” – Act 4
by Charles Gounod libretto (German)
| VIERTER AKT |
| Erste Szene |
| Margarethes Zimmer Einleitung Margarethe (allein) Ach, endlich sind sie fort, ich lachte mit ihnen einstmals auch, ach, und jetzt… Junge Mädchen (auf der Straße) Den Freier halte fest, sonst eilt er schnell hinweg! Ha ha ha ha! Margarethe Sie blieben noch, mich zu beschämen! Sonst tat ich mich so groß und blickt’ so scheel, ja einst, wenn ein armes Mädchen trat fehl, ach, und nun muss ich geduldig Schand und Spott hinnehmen! |
| Weh, mich selbst es zu der Sünde trieb! Und doch, ich kanns beschwören, dass alles, was mich tat betören, ach, war so gut, ach, war so lieb! Er kommt nicht zurück! Die Zeit war so lange, dahin ist mein Glück! Ich zittre und bange, er kommt nicht zurück! Wo mag er nur weilen? Ach, möcht’ er doch eilen! Am Fenster ich lieg’ hinaus späht mein Blick, er kommt nicht zurück! Er kommt nicht zurück! Laut möcht’ ich klagen und darfs doch nicht sagen! Süß wär’s zu teilen mit ihm Schmerz und Glück, mit ihm Schmerz und Glück! Wo mag er nur weilen? Er kommt nicht zurück! Nah kann ich ihn wähnen, ich hör seinen Tritt, mag länger nicht sehnen, ach, käm er zurück! An sein Herz will ich eilen, O mein Herr! O mein Herr! Wo mag er nur weilen? Er kommt nicht zurück! Wo mag er nur weilen!? Er kommt nicht zurück! (Siebel entre doucement) Siebel Margarethe! Margarethe Siebel! Siebel Ihr trauert noch! Margarethe O Gott, und ihr erbarmt Euch meiner noch! Siebel Bin zwar noch jung, doch fühl’ ich Manneskraft im Herzen, nicht leicht kann die Schmach ich verschmerzen, gelobe Rache ihm! Ich werde ihn töten! Margarethe Sprecht, wen? |
| Siebel Muss ich ihn Euch nennen? Der Euch so schnöd’ verriet! Margarethe O haltet ein! Siebel Verzeiht! Ihr denkt noch immer sein? Margarethe Ja, immer, immer! Doch solltet, Siebel, ihr ja nicht vernehmen meine Klage, ich weiß es, Euer Ohr davon nichts hören mag. Siebel Als noch in Freude dir die Tage entschwunden, lacht’ auch in Wonn’ und Lust das Leben mir, jetzt, da in Schmerz dir entfliehn die düstern Stunden, O Margarethe, O Margarethe, du Arme, ich weine treu, ich weine treu mit dir. So wie ein Halm zwei Blumen oft vereinet, so bindet unsre Herzen ein Verein; seh ich Geliebte, wie dein Auge weinet, O Margarethe, O Margarethe, dann wird dein Schmerz auch stets der meine sein! Margarethe (Siebels Hand nehmend) Ihr rührt mich tief, mein Freund, ja, meinen Tränen glaubet, ein letzter, einz’ger Trost ist mir noch nicht geraubt, ich eile zu der Kirche heil’gen Mauern hin, den Himmel anzuflehn für mein Kind und ihn! (Beide gehen hinaus) |
| Zweite Szene |
| Die Kirche Margarethe (niederknieend) O Herr, so lasse hier niederknie’n Margarethe, wende dein Antlitz nicht von ihr! Mephisto Nein! Keine Gnade dir! Nein, du sollst nicht beten! Geister der Nacht, umringt sie hier! Chor Der Dämonen Margarethe! |
| Margarethe Wer ruft mich? Chor Der Dämonen Margarethe! Margarethe Ich erbebe! Ich sterb’! Ich sterbe! Die Angst ich nicht trag’! So naht denn schon der jüngste Tag! Mephisto Weißt du noch, wie du einst am Altare hier standest, Gretchen, fühlst du es ganz, als du froh um die heitre Stirne dir wandest der Unschuld Blütenkranz? Kinderspiel halb, und halb Gott im Herzen du lalltest dein fromm’ Gebetlein hin! Ha, dem Himmel mit Blut und Schande vergaltest! Sprich, wo steht jetzt dein Sinn? Rachegeister im erschreckenden Chor nun erwachen, Reue dir, Not und Pein! Die Posaune ertönt, schau den höllischen Rachen, ja, die Hölle harret dein! Margarethe Gott! Wie soll ich mich der Gedanken erwehren! Der Hölle Ton muss ich stets hören, ich sterbe davon! Geistlicher Chor Wenn erscheint der Tag des Herrn, dann glänzt des Kreuzes Glaubensstern in alle Welten fern und fern. Margarethe Oh weh! Nichts kann gleich meinen Qualen sein! Mephisto Nein! Für dich gibt’s kein Erbarmen mehr, die Welt ist für dich hoffnungsleer! Nein! Nein! Geistlicher Chor Leb ich auch dem Herrn zu Nutz, bietet nichts Vergeltung Trutz! Wo nur find’ ich Schirm und Schutz? Margarethe Ach! Der Gesang reißt mir das Herz entzwei! Es drängt aus der Kirche mich hinaus! |
| Mephisto Vorbei die Nächte der Lust, der Liebe Schwelgerei! Fluch dir! Fluch dir und Höllengraus! Margarethe Mein Gott! Margarethe Und Chor O hab Erbarmen mit uns, wir sind voller Not, wende dich nicht von uns Armen, sei gnädig, o Gott! Mephisto Margarethe! Sei verdammt! Sei verflucht! (Margarethe stößt einen Schrei aus und sinkt ohnmächtig zu Boden.) |
| Dritte Szene |
| Ein offener Platz Chor Der Soldaten Leg die Waffen nieder, der Heimat Flur lacht uns aufs neu nach Kriegsbeschwer’. Ja, Freunde sehn uns wieder, und Mutter, Weib und Braut, freut euch und weint nicht mehr! Valentin (sieht Siebel) Ha, potz blitz, Siebel! Siebel Ja, ich bins, ich. Valentin O komm an meine Brust! (Er umarmt ihn.) Und Margarethe? Siebel In der Kirche, glaub’ ich. Valentin Ja, dort fleht sie für mich. Teure Schwester! Wie überrascht wird sie sein, wenn ich plötzlich vor sie trete! Sie zu sehn, o welche Lust! Chor Der Soldaten Ja, nach dem Kampf ist es ein Segen, ruhig von Gefahr am friedlich stillen Herd |
| manches Herz wird laut sich regen, wenn man von unsren Taten hört. Hoch Ruhm und Ehre! Gebt alles drum! Niemand mir wehre Ehr’ und Ruhm! Gern ich entbehre Besitz und Ruh’, für’s Vaterland kämpft, der Sieg winkt euch zu! Frisch ins Aug, ins Aug dem Feinde schaut! Setzt das Leben ein, kühn euch dem Schicksal vertraut, wollt ihr Sieger sein! Stolz euer Land auf euch baut, den Degen zur Hand, vollbringt kühne Tat! Hoch Ruhm und Ehre, usw. Nach der Heimat geht es jetzt zurück, der Krieg ist aus, der Fried’ soll leben! Gram wird gestillt! Wir bringen Glück, unser Vaterland ruft uns zurück! Der Liebe Rausch wir uns ergeben, und manches Mägdlein, jung und gut sich bald gewinnt des Kriegers Mut! Hoch Ruhm und Ehre, usw. (Die Soldaten gehen ab.) |
| Vierte Szene |
| Valentin Nun komm, mein Freund, ins Haus komm nun mit mir, das Glas in der Hand sollt Ihr Bescheid mir tun. Siebel (aufgeregt) Nein warte noch! Valentin Warum? Meide nicht meinen Blick! Du weichst mir aus! Mein Freund, was soll das sein? Siebel Je nun ... Nein, ich kann nicht! Valentin (auf das Haus zugehend) Was zögerst du? Siebel (ihn zurückhaltend) Erbarmen! Sei milde, Valentin! Valentin (sich freimachend) Lasse mich! Lasse mich! (Er betritt das Haus.) Siebel Verzeihe ihr! Zu dir fleh ich, mein Gott! Erbarm dich ihrer Not! (Er wendet sich zur Kirche. Mephisto und Faust treten auf, Mephisto mit einer Gitarre unter dem Arm.) |
| Fünfte Szene |
| (Faust geht auf Margarethes Haus zu, dann hält er an.) Mephisto Nun nicht länger zögert hier, schnell treten wir hinein! Faust Verruchter, schweig! Durch dich werd’ ich, so ahnet mir, der Schmach und Schand’ sie weihn! Mephisto Doch warum sie verlassen und jetzt sie wiedersehn? Ein andres Fest, denk’ ich, erwartet uns! Zum Sabbat lasst uns gehn! Faust Margarethe! Mephisto Mein Raten all’ wird unnütz sein, der Liebe werdet ihr wieder Euch weihn! Doch, um zu öffnen Euch die Pforte, bedarf es meiner ausgesuchten Worte. Scheinst zu schlafen, du im Stübchen, höre mich doch an, o mein reizend holdes Liebchen, es singt dein Galan! Flüstert dir gar süße Worte, Glaube, Herz daran! Ha ha ha! Öffne, holdes Kind, die Pforte nur dem Freiersmann! Ach, du spottest meiner Klagen, schmerzlicher Verdruss! Willst dem Liebsten du versagen einen süßen Kuss? Liebesworte sollst du hören, Glaube, Herz, daran! Ha ha ha! Doch ein Küsschen nur gewähre deinem Freiersmann! Ha ha ha! (Valentin kommt aus der Tür.) |
| Sechste Szene |
| Valentin Ihr sollt mir Rede stehn! Mephisto Verzeiht, mein Kamerad! Jedoch für Euch nicht war bestimmt die Serenade. Valentin Meine Schwester nimmt Euch besser wohl auf. Das ist klar! (Er zerschlägt mit seinem Schwert Mephistos Gitarre.) Faust Ihr Bruder! Mephisto (zu Valentin) Ha, potz Element! Was hat Euch getan mein Instrument? Valentin Genug des Schimpfes, genug! Der mir zerriss die heiligsten Bande, der mir schuf Schmach und herbe Schande, wer von euch ist’s, dass ihn fälle mein Schwert? (Faust zieht sein Schwert.) Mephisto (zu Valentin) Nun, wenn Ihr’s wollt! (zu Faust) Drauf los, Herr Doktor! Drauf los! Valentin Nimm mich in deine Hut, o Himmel, für mich wache! Die Schuld wäscht nur sein Blut, ja, doppelt stark mich mache! Faust (beiseite) Mir schwindet aller Mut, ich fürchte seine Rache! Vergieß’ ich nicht sein Blut in ungerechter Sache? Mephisto Ha, er bebt vor Grimm und Wut, ich seines Zornes lache, ja, gewiss, voll Hohn des Kampfes Wut ich bald eine Ende mache! |
| Valentin (nimmt die Medaille, die Margarethe ihm gab, vom Hals) Madonnenbild, mein Schirm und Hort, einst mir geschenkt von Margarethe, du bist entweiht durch ihre Hand ich kann zu dir nicht länger beten! (Er schleudert die Medaille zu Boden.) Mephisto Das wirst du schon bereu’n! Faust Mir schwindet aller Mut, usw. Valentin Nimm mich in deine Hut, usw. Mephisto Ha, er bebt vor Zorn und Grimm, usw. Valentin Wohlan! Verteidige dich! Mephisto (zu Faust) Schließt Euch jetzt eng an mich! Und dann stoßt nur zu! Keine Sorge, ich pariere! (Sie fechten. Plötzlich stößt Mephisto Valentins Degen zur Seite und Faust verwundet Valentin. Dieser stürzt zu Boden.) Da liegt nun unser Held am Boden hingestreckt! Nun schnelle, eh’ man uns entdeckt! (Er zieht Faust mit sich fort. Marthe und Bürger mit Fackeln kommen herbei.) |
| Siebente Szene |
| Marthe Und Bürger Schnell hierher, schnell hierher, Nachbarn kommt! Man schlägt sich in den Straßen, es liegt schon einer tot! Großer Gott! Seht nur her! Er scheint noch zu atmen, sie haben ihn verlassen, auf, helfet schnell, denn sonst verblutet er! Valentin Habt Dank, habt Dank! Ihr Frauen, lasst nur eure Klage, ich nach dem Leben nicht mehr frage, zu oft hab ich dem Tod ins Aug’ gesehn! Margarethe (herbeistürzend) Valentin! Valentin! |
| Valentin Margarethe, meine Schwester? Was willst du? Schnell hinweg! Margarethe O Gott! Valentin Für sie ich sterbe, ’s hat keine Not, des Buhlen Degen bracht’ mir den Tod! Chor Ihr Buhle! Siebel Gnade! Gnade! Margarethe O Schmerz so herbe! O helf’ mir Gott’! Siebel (zu Valentin) Denk’ ihrer Not! Gnade für sie! Chor Er stirbt für sie! Er stirbt, ihr Buhle gab ihm den Tod! Valentin Hör’ mich jetzt an, Margarethe! Ich sage dir’s, weil bald ich vor den ew’gen Richter trete: Dem einen ist’s hier weh, dem andern wohl, die Stunde kommt ja doch, wo jeder scheiden soll. Weh dir! Der Sünde kannst du nun nicht mehr entfliehn, die Schande war stumm, doch jetzt ist sie klar. Die Menschen werden schaudernd vor dir weichen, du bist ja aller Scham und Tugend bar! Geh! Schäme dich, Margarethe! Reue dir, Höllenpein, bis der Tod dich einst suchet! Will Gott dir einst verzeihen, weil du lebst, sei verflucht! Chor Höre auf, Gott nicht kränke, deine Seele bedenke, o halte ein! Und der Reu’ die letzte Stunde schenke, verzeihe, soll auch dir einst vergeben sein! |
| Valentin Margarethe! Sei verflucht, bis dich erlöst der Todesschlaf, ich sterbe durch dich, doch als Soldat und brav! (Er stirbt.) Alle Herr, schenke seiner Seele Frieden und ihn gnädig zu sich nehmen! |