“Faust” – Act 2
by Charles Gounod libretto (German)
| ZWEITER AKT |
| Erste Szene |
| Ein Volksfest Ostern (Vor einem Stadttor. Zur Linken eine Herberge mit dem Schilde „Zum Gote Bacchus“. Bürger, Studenten und Soldaten unterhalten sich vergnügt.) Erste Studenten Wein und Bier, Bier und Wein, munden mir, drum schenkt ein! Seinen Becher, Zug um Zug leert der Zecher wie im Flug! Wagner Alles Nasse trinkt er gern, bleibt das Wasser nur ihm fern, und ihm winken Ruhm und Lieb’ wo’s zu trinken was gibt. Erste Studenten Alles Nasse, usw. (Sie stoßen an und trinken.) Soldaten Mädchen oder Festen |
| nehmen wir, gleichviel, denn solch wilden Gästen ist das leichtes Spiel! Wer es kühn unternommen als ein tapfrer Held, wird sie sicher bekommen und das Lösegeld! Bürger Sonntags und an Feiertagen da plaudr’ ich gern von Krieg und Streit, während sich die Völker weit ihre Köpfe zerschlagen. Um Länder kämpft der Türk’ und Russ’, ich aber sitz im weichen Grase auf dem Hügel dort am Fluss, trink’ aus vollem Glase! Junge Mädchen Seht dort jene lust’gen Knaben nah’n mit kühnem Schritt, müsst euch nicht zu strenge haben, wollen auch gern mit. Zweite Gruppe Studenten Nach den Mädchen lasst uns schauen und erwählen sie, doch den Blicken nicht vertrauen, Herzen stehlen sie! Matronen Seht, nach jenen eitlen Kindern läuft der Männer Schwarm; können wir sie doch nicht hindern. Dass sich Gott erbarm’! Junge Mädchen Ihr wollt gefallen, benehmt euch fein, und eure Krallen, ziehet sie ein. Kommen hübsche Jungen, nimmt man doch sie an. Ja, ein wenig glauben muss man dem Galan, ja, ein wenig glauben muss man dem Galan! Ja, ein wenig glauben, usw. Matronen Sie woll’n gefallen, o, wir sehn’s ein! Ja, sie sind fein! Kräuselt nur die Stirne, |
| seid verschämt und rot, nahen euch die Jungen, nehmt ihr sie doch an. Seht die scheuen Tauben kirret der Galan! Nahen euch die Jungen, usw. Bürger Wohlan! Schenkt ein! Wie schmeckt der edle Wein! Wie schmeckt so süß mir der Wein. Mein Weib mag zürnen. Wie schmeckt so süß mir, usw. Zweite Gruppe Studenten Wir wollen Vasallen der Schönheit sein. Zieret sich die Dirne, hat es keine Not! Kommen wir gesprungen, nimmt sie uns doch an. Süße, holde Tauben, euch wir beten an! Süße, holde Taube, usw. Erste Gruppe Studenten Hoch leb’ der Wein! Wein und Bier, Bier und Wein, was sich findet, schenkt ein! Seinen Becher Zug um Zug leert der Zecher im Flug. Alles Nasse trinkt er gern, bleibt das Wasser ihm fern, und ihm winken Ruhm und Lieb, wo’s zu trinken was gibt! Soldaten Krieger vor allen Mädchen gefallen! Nehmt sie schmucken Dirnen, uns erschreckt nicht ihr Zürnen, Sturm heißt das Gebot; bis wir sie bezwungen, bis der Sieg errungen und das Werk getan. |
| Bis wir sie bezwungen, bis der Sieg errungen, und das Werk getan, stimme frohe Weisen, unsre Tat zu preisen, Lied und Trommel an! Bis wir sie bezwungen, usw. |
| Zweite Szene |
| Valentin (tritt auf, eine silberne Medaille in der Hand) O heiliges Sinnbild, das mein Gretchen mir gab, den Tod stets abzulenken, auf meinem Herzen ruh, Schmerz und Unheil wend’ ab! Wagner Seht! Da ist Valentin, schon zur Reise bereit. Valentin Ein letzter Trunk, Karerad, und dann ins Feld gerückt! Wagner Sag, was fehlt dir? Welcher Gram, o sprich, bedrückt dein Herz? Valentin So wie ihr scheid’ ich von der Heimat voller Schmerz. ich lasse Margarethe, sie bleibt hier ohne Schutz, die Mutter wacht nicht mehr! Siebel Du hast doch treue Freunde; dass schützet sie mein Arm, gelob’ ich dir! Valentin (seine Hand drückend) Hab Dank! Siebel Vertraue fest auf mich! Studenten Wir auch beschützen sie! Valentin Da ich nun verlassen soll mein geliebtes Heimatland, sei, Herr des Himmels, inbrunstvoll mein Flehen zu dir gewandt. Schütze die Schwester mir, |
| Herrgott, so bete ich zu dir, schütz, o Gott, die teure Schwester mir. Gram und Sorgen, sie mögen entfliehen, voll Mut will ich dem Feinde entgegenziehn! Wo die Schlacht wild und heiß, wo furchtbar die Gefahr, biet’ ich dem Feinde mutvoll mich dar. Und ruft mich Gott zu Himmelshöhen, will schützend ich auf dich herniedersehn, o Margarethe! Da ich nun verlassen soll, usw. O Herr des Himmels, hör mein Flehn, in deinem Schutz lass Margarethe stehn! Wagner Ihr Freunde kommt! Lasst unmännliche Tränen! Scheucht mit edlem Weine eitles Sehnen! Stoßt an, stoßt an und singt, zum Abschied singt ein fröhlich Lied! Studenten Stoßt an! Stoßt an! Stoßt an und singt, zum Abschied singt ein fröhlich Lied! Wagner (auf einen Hocker steigend) ’ne Ratt, furchtsam gar und feige, die sich stets verkroch, die saß, zehrend jede Neige in dem Kellerloch! ’ne Katz’... |
| Dritte Szene |
| Mephisto (plötzlich auftauchend) Verzeiht! Wagner He? Mephisto Will’s den Herren nicht bequemen, in ihren Kreis mich aufzunehmen? Singt, Freund, und wenn mit Eurem Lied ihr fertig seid, dann bin auch ich etwas zu singen gern bereit! Wagner (vom Hocker springend) Ein Lied genügt, solange es gut ist! Mephisto Ich will mein Bestes tun, die Herren zu ergötzen! Ja, das Gold regiert die Welt, und sie senden Weihrauchspenden der Macht, die sie gefesselt hält! hört die güld’nen Taler klingen; auf des Götzen Weltaltar bringt ein Fürst selbst Opfer dar, und im tollen Reigen schwingen sich herbei die Völker all’, Satan selbst führt an den Ball! |
| Alle Satan selbst führt an den Ball! Mephisto Vor dem Gold liegt die Welt im Staub. Sie baut Throne, Gott zum Hohne, ihm hinauf ins Ätherblau! Mammon schürzt die gold’nen Schlingen, und der Krieg, die Angst, die Not, Fluch, Verheerung, Sünd’ und Tod mit der Menschheit rastlos ringen. Hell erglänzt der Höll’ Metall! Satan selbst führt an den Ball! Alle Satan selbst führt an den Ball! Wir danken für dein Lied! Valentin (für sich) Ein kurioser Geselle! Wagner (Mephisto ein Glas reichend) Behagt Euch ein Glas Wein, so stoßet mit mir an! Mephisto Herzlich gern! (Er fasst Wagners Hand und betrachtet sie.) Doch was erblick’ ich hier? Seht Ihr wohl diese Linie? Wagner Nun, und? Mephisto Lasst Euch prophezeien der nächste Festungssturm bringt Euch sicher den Tod! (Wagner zieht seine Hand zurück.) Siebel So seid ein Zauberer Ihr? Mephisto (Siebels Hand ergreifend) So weit, als nötig ist, zu sehn in deiner Hand, dass fortan jede Blume, |
| die du berühren wirst, verwelkt im Augenblick! Siebel (hastig seine Hand zurückziehend) Wie? Mephisto Kein Sträußlein mehr bringst du Margarethe. Valentin Meine Schwester! Woher kennst du sie denn? Mephisto Ruhig Blut, mein Tapf’rer! Denn Euer Tod, mein Freund, ist auch nicht allzu ferne. (Er entreißt Wagner das Glas.) Auf Euer Wohl! (Er versucht den Wein.) Pfui! Was ist das für ein Zeug! ’nen bess’ren Wein biet’ ich euch an aus meinem Keller. (Er steigt auf eine Bank und schlägt auf ein Fass, worauf ein Bacchus abgebildet ist. Das Fass dient der Kneipe als Schild.) Holla! Bacchus, schenk’ ein vom besten! (Wein fließt aus dem Fass. Zu den Studenten) Kommt alle heran! Ein jeder wähle jetzt, was ihm beliebt. Die Schöne hoch, die ihr so väterlich zu schützen verspracht, hoch Margarethe! Valentin (entreißt Mephisto das Glas) Genug! Den angetanen Schimpf zahlst du mir mit dem Leben! (Der verschüttete Wein brennt in hellen Flammen. Valentin und Wagner ziehen den Degen gegen Mephisto.) Wagner Holla! Studenten Holla! Mephisto Ei, unverzagt! Warum stoßt ihr nicht zu? (Er zieht mit dem Degen einen Kreis um sich. Valentin versucht ihn zu bekämpfen, aber sein Degen zerbricht.) Valentin Mein Degen, o welch Grauen, zerbricht in meinen Händen! |
| Alle Ha, wir müssen der Hölle Trug erliegen, unser Schwert kann ob Zauberspuk nicht siegen! Valentin Doch der du selbst das Eisen brichst ... Alle Doch der du selbst das Eisen brichst ... Valentin Erzitt’re! Alle Erzitt’re! Valentin (fasst seinen Degen bei der Klinge und hält Mephisto den Griff, der Kreuzesform hat, entgegen) Dass deine Macht dies Kreuz in nichts zersplitt’re! Alle Dass deine Macht dies Kreuz in nichts zersplitt’re! (Mephisto weicht zurück. Die Szene leert sich.) |
| Vierte Szene |
| Mephisto (sein Schwert einsteckend) Auf fröhlich Wiedersehn, meine Herrn, und gar bald! Faust (tritt auf) Sprich, was gibt’s? Mephisto Nichts! Auf, ans Werk, lieber Doktor! Sagt mir, Doktor, nun, womit soll ich beginnen? Faust Wo birgst du das liebliche Kind, das du jüngst mir gezeigt? Es darf mir nicht entrinnen. Mephisto O nein! Doch schwer wird’s halten, ihre Unschuld zu gewinnen, da selbst der Himmel sie bewacht. |
| Faust Was tut’s? Ich will! Auf, führe mich zu ihr, oder ich scheide von dir! Mephisto Nun, so sei’s! Allzusehr halt ich an meiner neuen Pflicht! Drum walte zwischen uns auch ein Zweifel länger nicht. Wartet hier! Bei dieser frohen Töne Klang das schöne Kind erscheint und stillt des Herzens Drang. |
| Fünfte Szene |
| (Studenten und junge Mädchen kommen Arm in Arm auf die Bühne. Ihnen folgen die Bürger und vor ihnen tänzeln Fiedler.) Chor Leichte Wölkchen sich erheben, von Zephyrs Hauch bewegt, und der Staub fliegt leicht erregt. Wo im Tanz die Paare schweben auf der Freude frohen Schwingen, weithin hört den Walzer klingen! Mephisto (zu Faust) Sieh die schönen Gestalten! Willst du nicht der Schönsten unter ihnen anbieten deinen Arm? Faust Lass die Scherze, die Spötterei’n! Sie, nur sie bringt Heil meinem Herzen! Siebel (kehrt zurück) Hier muss es sein, wo bald ich seh Margarethe! Einige Junge Mädchen (nähern sich Siebel) Du hast uns heut’ noch nicht zum Tanz geladen! Siebel Nein, nein, ich tanze heut’ nicht! Chor Leichte Wölkchen sich erheben, usw. (Margarethe tritt auf.) Faust O welch’ Glück! Sie ist es! Mephisto Nun wohl, so sprich zu ihr! |
| Siebel (einen Schritt auf Margarethe zugehend) Margarethe! Mephisto Was gibt’s? Siebel (beiseite) Verwünschter Kerl! Auch noch da! Mephisto Ja, wirklich, mein Freund! Ihr auch da? Ha, ha, wahrhaftig, guter Freund, auch Ihr seid da! Faust (Margarethe ansprechend) Mein schönes Fräulein, darf ich’s wagen, meinen Arm und Geleit Ihr anzutragen? Margarethe Nein, mein Herr! Bin weder Fräulein, weder schön, kann ungeleitet nach Hause gehen! (Sie geht an Faust vorüber und entfernt sich.) Faust (ihr nachschauend) Auf mein Wort, sie ist reizend und schön zum Entzücken! O himmlische Macht, dich lieb’ ich! Siebel Sie ist verschwunden! Mephisto (zu Faust) Wie ging’s? Faust Weh mir! Man stieß mich zurück! Mephisto (lachend) Wohlan! So meng’ ich mich auch drein, ja, ich menge mich drein, und bald ist Margarethe dein! (Mephisto und Faust gehen ab, auf dem gleichen Wege, wie Margarethe.) |
| Einige Junge Mädchen Sprecht, was gibt’s? Andere Junge Mädchen Margarethe, die von dem Junker nicht wollte begleitet sein. Alle Tanzet nur zu! Walzet nur zu! Leichte Wölkchen sich erheben, von Zephyrs Hauch bewegt, und der Staub fliegt leicht erregt. Wo im Tanz die Paare fliegen auf der Freude frohen Schwingen. Seht, wie schnell sie sich drehen im weiten Raum Gewänder leicht wehen, sie atmen kaum, welch’ Glück, welche Wonne erregt die Brust! Nichts unter der Sonne gleicht dieser Lust! Welch Glück, welche Wonne, usw. |