“Faust” – Act 1

by Charles Gounod libretto (German)


ERSTER AKT
Erste Szene
Fausts Studierzimmer

(Es ist Nacht. Faust sitzt an einem mit Folianten bedeckten Tisch. Vor ihm liegt ein aufgeschlagenes Buch.)
Faust
Nichts!
Umsonst befrage ich der lichten Sterne Chor,
dem Sinn ist stumm das Weltenall,
und keine Stimme flüstert in mein Ohr
des Trostes sanften Schall!
Schmachtend träum’ ich wie zuvor,
irdische Pein verhüllt den Glanz
der Wahrheit dir, o armer Tor!
Nichts sieht das Aug’! Nichts weiß der Geist!
Nichts! Nichts!
(Er schlägt das Buch zu und steht auf.)
Der Morgen naht, des Lichtes Macht
verdrängt die Nacht, verdrängt die Nacht!
Ein neuer Tag, ein neuer Tag erscheint!
O Tod, wann nahest du,
zu stillen meine Pein?
(Er nimmt ein Fläschchen vom Tische.)
Wohlan! Mit dir, o Tod
vereint mich dieser Labetrank!
O Tag, dir gilt mein letzter Gruß,
ich nahe mich voll
Mut getrost dem Pilgerziele,
verschwunden sei die letzte Klag’,
ich trotze kühn des Schicksals Spiel!
(Er gießt den Inhalt des Fläschchens in eine Kristallschale; als er im Begriffe ist, diese an den Mund zu führen, ertönt hinter der Szene ein Chor junger Mädchen.)
 
Chor Der Jungen Mädchen
(auf der Straße)
Ah!
Schlummernde Mägdelein,
auf, auf, erwacht!
Sonnenschein so warm herein
ins Stübchen lacht,
Vöglein im bunten Kleid
singet sein Lied,
Lichtstrahl an Lichtstrahl reiht,
Dämm’rung entflieht,
silberne Quelle
fließt auf grüner Flur,
Blume der Knosp’ entsprießt
und Lieb’ der Natur!
 
Faust
Eitle Klänge der ird’schen Lust!
Eilet, eilet hinweg!
Enteilt! Enteilt!
O Becher, den Freude einst füllte zum Rand,
was bebst du heute in meiner Hand?
(Wieder führt er die Schale an den Mund.)

Chor Der Landleute
Frisch auf, ins Feld, die Erde lacht!
Die Lerche singt, der Tag erwacht;
sei uns gegrüßet Morgenrot,
sei uns gegrüßt, Morgenrot!
Die Sonne glänzt auf Wald und Au,
gelobt sei Gott!

Junge Mädchen Und Landleute
Gelobt sei Gott!

Faust
(den Becher niedersetzend)
Gott! Gott! Gott!
(Er sinkt in seinen Armstuhl.)
Doch dieser Gott, was vermag er für mein Glück?
Gibt er mir Glauben, Lieb’ und Jugend je zurück?
Verflucht sei’st du auf ewig, eitles Menschenherz,
verflucht die Kette, das ird’sche Band,
das Erdenglück, der Erdenschmerz!
Verflucht, was uns mit Trug umspannt,
des Himmels Macht, der Seele Trieb,
verflucht sei Glück, sei Ruhm und Macht!
Der Hoffnung Fluch und Fluch der Lieb’
Fluch dir, Geduld!
Satan, herbei, Satan, herbei!
Herbei! Satan! Satan, herbei!
Zweite Szene
Mephisto
(erscheint plötzlich)
Da bin ich!
Gefall’ ich Euch nicht?
Was starrt Ihr so in mein Gesicht?
Den Degen zur Seit’, die Feder am Hut
und die Tasche voll Gold, ja, keck
und voller Mut, und angetan
wie ein echter Edelmann!
Wohlan, so sprich! Was willst du von mir?
Nur keck! Rede! Was fehlet dir?

Faust
Geh!

Mephisto
Meinen Dienst ich dir gelobe.
 
Faust
Vergebens!

Mephisto
Stell’ ihn doch auf die Probe!

Faust
Hinweg!

Mephisto
Ei! Das ist ein art’ger Lohn!
Hast den Teufel nur genannt
zum Zeitvertreib und sprichst ihm Hohn,
ja, dem Teufel
dem Teufel sprichst du Hohn,
weil er, gnäd’ger Herr, dich fand?

Faust
Was vermagst du für mich?

Mephisto
Alles! Doch sag’ mir zuvor,
was wünschest du? Ist Gold dein Begehr?

Faust
Was soll mir Gold, was sollen mir Schätze?

Mephisto
Gut, ich sehe, wo der Schuh dich drückt:
dich lockt des Ruhmes Glanz!

Faust
Weit gefehlt!

Mephisto
Die Gewalt?

Faust
Nein!
Ein Wunsch mich beseelt,
der alles vereint.
So höre: Die Jugend!
O gib junges Blut,
gib Wonne und Glück,
o gib neuen Mut
und Kraft mir zurück!
O gib süße Lieb’,
Süßmägdeleins Kuss,
und wonniger Trieb
vereint uns zur Lust!
Warm’ Herz, frohen Sinn
gib neu mir zurück.
O gib den Gewinn
der Liebe: Das Glück!
 
Mephisto
Wohlan! Ich vermag deinen Wunsch zu erfüllen.

Faust
Doch was biet’ ich dagegen dir?

Mephisto
So viel als nichts,
hienieden gehorch’ ich dir,
aber dort gehörst du mir!

Faust
Dort unten?

Mephisto
(ihm ein Schriftstück anbietend)
Dort unten! Nun denn, schreibe!
Du bebst? Hab’ Vertrauen!
Deiner harrt schon die schönste Maid!
Sieh die Jugend dir winken, wag’ es, sie anzuschaun!
(Auf Mephistos Wink erscheint
Gretchen am Spinnrade.)


Faust
Ha, welch Wunder!

Mephisto
Wohlan, unterschreibe!

Faust
(das Schriftstück nehmend)
Gib!
(Er unterschreibt.)

Mephisto
Endlich denn!
(Er reicht Faust die Schale.)
Von nun an soll, o Faust, aus dieses Bechers
Schaum ein neues Leben dir erblühn,
junges Blut strömt rein und voll
in deine Brust; Gift, Schmerz und Tod sei Traum!

Faust
(die Schale ergreifend)
Dir, schönes Götterbild, sei dieser Trank geweiht!
(Faust leert die Schale und verwandelt sich in einen eleganten Junker. Die Erscheinung verschwindet.)

Mephisto
Komm!

Faust
Werd’ ich sie wiedersehen?
 
Mephisto
Ohne Zweifel!

Faust
Wann?

Mephisto
Noch heute!

Faust
Wohlan!

Mephisto
En route!

Faust Und Mephisto
Wohlan denn!
Ich fühl’/Du fühlst junges Blut,
Lust, Wonne und Glück! usw.
(Sie gehen hinaus.)
libretto by Julia Behr