“Medea” – Act 2
by Luigi Cherubini libretto (German)
| ZWEITER AKT |
| Ein Flügel von Kreons Palast. Im Hintergrund der Tempel der Juno. Introduktion Medea Ich kann nicht klagen, zu groß ist die Beleidigung! Man will einer Mutter die Kinder rauben! Die Schmach ertrug ich, die ein Lügner mir zufügte; die Verbannung will ich nicht! Eine einzige Qual kann ich nicht erdulden: daß sie die Kinder lehren, ihre Mutter zu hassen, dies ist der Schmerz, den ich nicht ertragen kann! Neris (aufgeregt eintretend) Wehe, meine Herrin! Medea Welche Neuigkeiten bringst du mir? Neris Zum Palast stürmt schreiend das rasende Volk: mit wütenden Schreien fordern sie grausamste Rache: sie wollen Medeas Blut! Furchtbarer Haß verfolgt dich! Verbannt auf der Erde, verflucht droben im Himmel! Zögere nicht, beeile dich, fliehe von hier, oder du bist verloren! |
| Medea Ich bleibe! Neris Du willst bleiben? O Götter! Er kommt! Da ist schon Kreon! Kreon (kommt mit seinem Gefolge) Geh, verlasse dieses Land, denn die gerechte Wut des Volkes ist schon auf deiner Spur! Fliehe, geh! Noch kann heute mein Arm dich retten, morgen kann ich es vielleicht nicht mehr! Medea Wenn ich die Ursache großen Leides war, mein Herr, so kann ich nur von Euch Vergebung erlangen, edler König; auf Euch hoffend blieb ich hier. Kreon Nicht weiter! Wer solche Dinge tat, dem wird, wenn er auch bittet, niemand mehr glauben. Medea Gewähret doch aus Mitleid Medea eine Zuflucht! In meinem Elend würde ich sonst ganz einsam sterben. Glücklich würde ich schon sein, wenn ich euch, meine Kinder, sehen könnte, wenn ich euch in die Arme schließen dürfte! Jasons verlogene Schwüre will ich vergessen! Jason will ich vergessen, der den Eid brach, ja, der den Eid brach! |
| Kreon Glaubst du, du kannst mit deinen falschen Worten mich blenden? Medea Ich flehe, Herr, Euch zu Füßen flehe ich, o Herr, erhöret meine Bitte! Um Eurer Kinder willen, o König, habt Mitleid mit mir! Kreon Verlasse mein Königreich! Medea Um Eurer Kinder willen, usw. gewährt mir diese Gnade! Kreon Nein! Medea Eine Zuflucht ... gewährt mir ..., Herr! Kreon Geh! Verlasse mein Königreich! Nichts kann mich umstimmen! |
| Medea Teure Gestade von Phasis, o mein fernes Heimatland! O du Erinnerung an alles Gute, das ich verlor! Kreon Elende Schwester, verworfenes Kind! Geh! Verlasse mein Königreich, geh! Medea Gnade! Gebt mir eine Zuflucht! Kreon Entferne dich! Nichts kann mich umstimmen! Niemals wirst du Gnade finden! Nein, nichts kann, usw. Medea König der Götter, der mir dieses Leid auferlegte, entgehen möge er nicht, nein, deinem richtenden Auge! Neris Fliehe! Chor Nimm von uns, Jupiter, ihren tödlichen Fluch. Nie komme der Tag ihrer schrecklichen Prophezeiung! Nein, niemals, usw. |
| Neris Besänftige, wenn du es kannst, ihre grausame Wut, o Himmel! usw. Medea Zu Euren Füßen flehe ich zu Euch, o Herr, mein König, höret mich an ... Kreon Glaubst du, du könntest mich mit deinen falschen Worten umstimmen? Medea Herr, mein Flehen! Um Eurer Kinder willen, o König, habt Mitleid mit mir! Kreon Verlasse mein Königreich! Medea Gewährt mir eine Zuflucht! usw. Kreon Verlasse mein Königreich! Nichts kann mich umstimmen! Medea Nun wohl! Alles verliere ich! Ich beuge mich dem Schicksal! Gut, ich gehe in die Verbannung, ich ertrage mein Geschick, das mein Gatte mir auferlegte! Doch gebt mir noch einen einzigen Tag, ach, auf daß mein trauriges Herz sich an sein Schicksal gewöhne! |
| Kreon Du verlangst einen weiteren Tag, um ein neues Unheil anzurichten! Medea Was kann ich Euch denn antun, wenn der Schmerz das Herz mir bricht? Wie könnt Ihr denn meinem Schmerz einen einzigen Tag verweigern, meinem Schmerz einen einzigen Tag? Kreon Ich weiß, daß eine Wohltat verhängnisvoll sein kann, doch ich weiß auch, daß ich im Herzen nicht die Härte eines Tyrannen trage. Ich gewähre dir einen einzigen Tag, sei so der Wunsch aller Götter erfüllt! Medea, Neris Diese Großmut wird der Himmel Euch lohnen! Kreon Du frohlockst über meine Gnade, doch neue Qual kann dir drohen! Wenn du den dritten Tag noch in meinem Reich verweilst, dann wehe dir! Eine furchtbare Strafe erwartet dich dann! Bald kannst zu zurückkehren nach Kolchis, das du verrietest! |
| Chor Gebt endlich unserem heiligen Land die Ruhe zurück! Medea Du, der solches Leid über mich brachte, usw. Neris Ah nein! Himmel! Fürchte die Wut nun, traue dem großen König nicht, nur der schrecklichen Wut! Chor Befreie uns, Jupiter, von ihrem tödlichen Fluch, (Kreon geht mit seinem Gefolge davon.) Neris Medea, o Medea! Sie ist ganz besiegt und gebrochen! Selbst mich hört sie nicht mehr. Wer hat je gelitten wie du, Medea? Getrennt vom Gemahl und von den Kindern mußt du traurig von Land zu Land ziehen, Frieden suchend und nie ihn findend! Nur mein Herz ist deinem Leide offen; wohin du gehst, werde ich treu dir folgen. Laß mich nur mit dir weinen, jedes Leid, jeden Schmerz will ich mit dir teilen! Ja! Treu soll mich die Unglückliche finden, selbst im Tode will ich dir treu bleiben mein Leben lang. Liebe, unglückliche Prinzessin, wer müßte nicht über dein Schicksal weinen? |
| Unglückliche! Das Schicksal war grausam zu dir! Immer will ich dir nah sein, weinen will ich und bei dir sein, treu dir folgen. Immer will ich treu dir folgen, treu stets an deiner Seite, usw. Medea Nur einen Tag gewährte Kreon mir? Nun gut; Medea wird ihn zu nutzen wissen. Sie soll sterben! Meine Rivalin wird büßen, die meine höchsten Freuden mir raubte! Nein, schwerer und schrecklicher soll der Vergeltungsschlag sein! So arg wie meine Schmach soll die Rache sein. Ah, hätte er einen Vater oder Brüder! Wie? Hat er nicht Kinder? Ah, wohin treibst du mich, mein gebrochenes Herz? Neris Geh, Medea! Düster und drohend kommt Jason zu dir! Medea Ich will mit ihm sprechen! Jason Schlimme Neuigkeiten habe ich gehört! Noch einen Tag hat Kreon dir gewährt! Aus welchem Grund? Was nützt dir ein Tag? Medea Gib mir die Liebe meiner Kinder zurück! |
| Jason Nein, eher gebe ich mein Blut und mein Leben, ehe ich dir die teuren, unschuldigen Kleinen gebe! Medea O Glück! Er liebt sie noch! Nun weiß ich, was ich tun muß! Heuchelei, nur du kannst mir Hilfe bringen! Ich muß lügen! Meine Kinder, mein Glück, fern von euch fort führt mich mein Schicksal! Weh! Nie mehr werdet ihr bei mir sein! Nie wieder, nein, nie wieder kann ich euch an das Herz drücken! Fern von euch werde ich leben, so will es euer Vater! Ich werde ohne euch sterben, nie werde ich mehr bei euch sein! Ohne euch soll ich leben, Jason will es so! Weit von hier werde ich sterben, niemals euch wiedersehen! Jason Einmal noch sollst du dich an ihnen erfreuen: bis du von hier fortgehst, sollen sie bei dir bleiben! Medea Ach, Herr! Diese Großmut werde ich niemals vergessen! Ihr teuren Kinder, ich darf euch wiedersehen, ja, ich darf euch sehen, ihr teuren Früchte der Liebe ... Liebe! Oh, welche Erinnerung! |
| Jason O Schmerz! O Leid meines Herzens! Medea O du Gerechtigkeit des Schicksals! Jason O grausame Erinnerung! Medea O verwünschte Verbannung! Jason Vergebens trachte ich diesen Gedanken zu vertreiben. Medea Bezahlen sollst du für meine falschen Seufzer! Jason Vergebens trachte ich, usw. Medea Bezahlen sollst du teuer mein falsches Leid! Gerechtigkeit! Jason Süße Liebe einstiger Tage! Oh tiefes Leid des Herzens! Medea O du verwünschte Verbannung! Jason Vergebens trachte ich diesen Gedanken zu vertreiben! Ich kann diesen Gedanken nicht vertreiben! |
| Medea Teuer sollst du bezahlen diese meine falschen Seufzer! Jason Bald wird zum Altar der König schreiten, um zu opfern: für meine Kinder will er zu den Göttern beten! Ich will den Himmel bitten, daß er Medea gnädig sei! Medea So gehst du, Jason? So verläßt du mich? Trauriger Abschied! Brennender Schmerz! Jason Immer sollst du glücklich sein! usw. Medea Von dir getrennt, Grausamer, welche Freude könnte ich empfinden? Wie könnte ich mich freuen? Jason Oh, Tränen einer Mutter! Medea Dank euch, gerechte Götter! Jason Vergebens trachte ich diesen Gedanken zu vertreiben. Vergebens versuche ich zu vergessen die süße Liebe von einst, usw. |
| Medea Teuer mußt du bezahlen für meine falschen Seufzer, teuer für meinen falschen Schmerz, usw. (beiseite) Ohne Zögern hast du meinen Bitten nachgegeben: das wird dir bittere Tränen bringen! O gute Neris, geh, bringe mir meine Kinder! Neris Ich fürchte, daß Jason ... Medea Er weiß alles: mir gehören sie für den ganzen Tag. Neris Warum verlangtest du noch einmal deine Kinder? Wenn du sie wiedersiehst, wird dein Schmerz um so schwerer. Medea Schweige und erfülle Medeas letzten Wunsch. Du kennst das Diadem und das Tuch, die Werkzeuge eines höllischen Zaubers, die Phoebus Apollo mir gab; Zur Hochzeit sollst du nun sie Glauce überreichen! Neris Ein Geschenk schickst du ihr, die das Herz dir brach? Medea Bald wirst du mein Geheimnis kennen. Beeile dich! (Medea und Neris im Vordergrunde, Kreon und sein Gefolge gehen in den Tempel.) |
| Ach, trauriger Gesang! Mit düsteren Klängen zieht der Brautzug in den Tempel! Elende Freude! Vergebens singt ihr Triumphgesänge. Mein Geschenk trägt den Tod! ... Neris, komm! (Sie verbergen sich.) Chor Gott der Liebe! Ach komme vom Himmel, komme herab, mit Blumen bekränzt! Medea Oh, immer diese verfluchten Gesänge! Chor Gott der Liebe, usw. Gott der Liebe, sei gnadenvoll! Amor, nimm unser Opfer an! usw. Medea Weh, diese Gesänge! O höllische Wut! Chor Süßer Gott, vom Himmel segne den Liebesbund! Kröne, süßer Hymen, diesen glücklichen Tag, Kreon Erhöre meine Bitte! Glauce Aufsteigen soll mein Schwur zu dir! Jason Hymen, erhöre meine Bitte! Wache über meine Kinder! |
| Medea Meine Wut beendet eure Freude, Himmel und Erde bringt sie in ihre Gewalt! Chor Ach, schmücke dein Haar mit dem heiligen Myrtenkranz! Komme zu uns, Hymen, erhöre die Schwüre, Gott der Liebe, usw. Steige herab, süße Liebe! Ewig sei die Kraft ihrer Schwüre! usw. Medea Dieses Versprechen gabst du einst auch mir ... Liebe! Meine Rache ist nah! Hymen! Dieses Versprechen gab eines Tages der Verräter in deinem Namen auch mir! Sei meiner Wut günstig, Amor, sei mir günstig! (Sie läuft zu dem Altar im Vordergrunde und reißt eine Fackel herunter.) |