“Medea” – Act 1

by Luigi Cherubini libretto (German)


ERSTER AKT
In Korinth, nahe Kreons Palast. Man sieht das Meer. Im Hintergrunde ankert das Schiff Argo.

Erstes Mädchen
Wie? Wenn schon Amor dein Verlangen stillt,
steht noch im Auge dir so tiefe Traurigkeit?
Auf, komm und erfreue dich an unsrer Fröhlichkeit:
der Himmel wird dir seine süßen Freuden schenken,
der Himmel schenkt sie dir.

Zweites Mädchen
Morgen, sobald die Dämmerung den Himmel färbt
über dem glücklichen Vaterland und Gefährtin der Sonne wird,
legen Hymen und Amor
dir das Herz zu Füßen
dessen, der dich liebt und anbetet.

Chor
Wie? Wenn schon Amor, usw.

Glauce
Weh! Ich möchte mich freuen,
doch ich fürchte das Morgen;
vergebens lassen die Götter vom Himmel auf mich regnen
die süße Liebesfreude.
In meinen Gedanken bringt Hymen
nichts andres als Leid mir: morgen wird Hymen nichts weiter
als Ursache bittrer Tränen für mich sein.
 
Erstes Mädchen
Wirf die unselige Vorahnung von dir
und überlasse dein Herz
froh den Liebesfreuden.
Die Schmerzen bittrer Ahnung
sind nichts als eine düstere Wolke,
die niemals den Glanz
eines so schönen Tages verdecken kann.

Mädchen, Chor
Die böse Ahnung wird Hymen vertreiben!
Die Liebe eines treuen Herzens kann die Schmerzen heilen.
Illusion ist es, ein Traum,
der dir das Herz bedrängt:
Hymen hat die Macht, dich wieder froh zu machen.

Chor
Weit von dir sei stets der böse Zweifel;
wer Amor bittet,
hat nie vergebens gehofft.
 
Glauce
Ich gebe der freundlichen Bitte nach:
teure Freundschaft, du tröstest mein Herz!
Und du, der du mir ein göttliches Geschick versprachst,
o Amor, bleibe mir treu,
bleibe treu einem Herzen, das hofft.
O Amor, komm zu mir! Lasse dies Leid verstummen;
deine treue Glauce vertraut sich dir allein an.
Komm! Erfülle meine Gedanken;
komm, komm! Entzünde mir das Herz
mit deiner göttlichen Glut!
Amor, entzünde deine Flamme, erfülle mich ganz mit ihr,

Amor! Durch dich allein kann ich glücklich sein!
Erfülle mich ganz, ja,
durch dich allein werde ich eines Tages glücklich sein!
Ach, schönes Feuer der Liebe, du belebst meine Sinne,
vor deiner Glut sehe ich die bösen Zweifel schwinden.
Erfülle mich ganz, komme, Amor, usw.
Fern von mir sei ewig die schlimme, finstere Zauberin,
die mit ihrem Zauber
das edle Herz eines Helden bannte!
Ihre Wut, ihre Gegenwart
störe niemals unsere Liebe!
Hymen gebe uns Stärke!
Amor, ach komme zu mir! usw.
Wenn du mich erfüllst, Amor,
wird jeder Zweifel aus meinem Herzen fliehen;
und nur durch dich kann ich wieder hoffen
und brauche nicht mehr zu zittern!
Nein, Medea kann die süßen Bande nicht mehr brechen;

nein, über Jason hat Medea keine Gewalt mehr.
Ihre böse Macht ist schon versiegt.
Komm, ach komme, Amor,
nur auf dich hofft das Herz!
 
Kreon
(kommt mit Jason)
Nein, fürchte nichts, vertraue meinen Worten.
Das Leben deiner Söhne werde ich schützen.
Sie sind gut und noch ohne Schuld;
sollten sie die Schuld der Mutter büßen?

Glauce
(zu Kreon)
Du trittst mir unschlüssig entgegen;
das lange Warten läßt mich leiden!

Kreon
Du weißt, daß ich Jasons Kinder
zur Erziehung in den Tempel sandte;
edel und feurig sind die Herzen
meines Volkes: sie wissen zu hassen und zu lieben.
Und nun wollen sie den Tod der bösen Zauberin,
und weil sie die Mutter nicht fassen können,
verlangen sie die Kinder, um an ihnen Gerechtigkeit zu üben.

Glauce
Rette sie, Vater!

Kreon
Ich empfing sie damals als teures Pfand,
und als treuer Freund werde ich sie retten.
(Ein Argonaute tritt ein und nimmt ihn beiseite, um mit ihm zu sprechen.)

Jason
O König, die Helden bringen dir ihre Huldigung dar,
die Argonauten tragen das Goldene Vlies.
Erlaube, daß sie den schönen Schatz
ehrerbietig der schönen Glauce zu Füßen legen.
(Kreon und Glauce nehmen auf dem Thron Platz; die Argonauten tragen im Triumphzug das Goldene Vlies und eine Nachbildung des Schiffes Argo.)
 
Chor
O schöne Glauce, der große Jason
überreicht dir die Beute seiner Heldentat;
seinen Ruhm und seinen Lorbeerkranz
bietet er dir zum Preis,
mit dem Goldenen Vlies, das er Kolchis raubte.

Glauce
Ah, Kolchis!

Chor
Mit dem goldenen Vlies, das er Kolchis raubte,
O schöne Glauce, usw.

Glauce
Kolchis! Schrecklicher Gedanke!
O düstere Vorahnung!

Jason
(sich Glauce zuwendend)
Was sehe ich? Welche traurigen Gedanken
verdüstern dir so den Blick?

Kreon
(zu Glauce)
Was ängstigt dich?
Warum wird dein Gesicht so bleich?
 
Glauce
Weh!
Der Glanz dieser heldenhaften Tat
Vergrößert nur mein Leid!
Es war das schicksalhafte Land Kolchis, wo der
Drachen niedergeworfen wurde.
Medeas Macht besiegte das gewaltige Ungeheuer.
Bald wird sie hier erscheinen
und Jason zurückfordern.
Bittend und listig wird sie auftreten,
und wenn selbst ihre Drohungen nicht fruchten,
so wird die schwarze Kunst der Zauberin
Land und Königshaus zerstören!

Jason
Verflogen ist, o liebe Glauce, ihre Macht;
nein, nein, gegen die Liebe kann sie nicht bestehen.

Glauce
(Jason umarmend)
Mein Beschützer bist du;
durch dich habe ich Mut in der Gefahr.

Jason
Nun, da ich nicht mehr
jene grausame Gattin sehe,
die mir Schmach und Leid brachte,
da ich mich der großen Verirrung nicht mehr erinnere,
erneuert sich mein Geschick.
War Hymen einst mein Leid,
so bringt Hymen mir nun Freude!
Glücklich will Jason nun zu deinen Füßen schwören:
keine menschliche Gewalt kann dich mehr von mir reißen!
 
Kreon
Ach, schon zu lange verwirrte
dieser Zweifel die Sinne:
Hilfe wird euch nur
vom gütigen Himmel kommen.
Die heiligen Bande gehören den Göttern;
schon wissen sie
von eurem kommenden Bund.
Schutzgötter der Ehe, schützende Götter,
wacht über meine Kinder:
möge stets eure Gnade über ihnen sein!
O Götter, mißachtet nicht diese Bitte!
Ach, möge ihre Ehe glücklich sein,
so werde auch ich mehr als glücklich sein!
Ich werde der glücklichste Vater sein.
Ich werde der glücklichste Vater sein, usw.

Chor
Gott der Liebe! Süßer Hymen!
Komme und binde mit zarten Banden,
mit deiner süßen Macht!
Höre, o Gott der Liebe, unsere Lobgesänge,
höre, Amor, und binde uns zart, Amor!

Glauce, Jason, Chor
Komm, Hymen! Süßer Hymen!
Nur in dir findet das Herz Ruhe.

Ein Hauptmann Der Wache
(tretend)
Herr! Eine Frau steht
auf deiner Schwelle:
ihr Anblick ist seltsam und geheimnisvoll.
Ein dichter Schleier verhüllt ihr Gesicht,
sie spricht in kurzen und rauhen Worten.

Kreon
Ihr Name?

Ein Hauptmann Der Wache
Ich weiß ihn nicht.
Drohend streckt sie ihren Arm aus!
Herr! Sie kommt schon!
Wir werden sie reden hören.
 
(Medea erscheint, einen dichten Schleier vor dem Gesicht. Im Hintergrund bleibt sie stehen und blickt ernst um sich.)

Medea
Ist dies vielleicht der Ort,
wo das Verbrechen Schutz genießt?
Gibt hier die Liebe dem Verbrecher Freuden?

Jason
Ah! Welche Stimme!

Kreon
Wer bist du?

Medea
Ich? Medea!

Glauce, Jason, Kreon
Medea!

Chor
Ah! ... Medea!

Medea
Volk, nein! Du brauchst nicht zu zittern,
vertraue mir.
(zeigt auf Jason und Glauce)
Ihretwegen kam ich her!

Die Argonauten
Laßt uns die Verbrecherin fassen!
 
Chor
Ah, nein! Laßt uns fliehen!
Wer hier bleibt, ist verloren!
(Die Argonauten und das Volk stürzen davon. Glauce wird von ihrem Gefolge gestützt.)

Medea
(zu Jason)
Nun rede du! Warum stehst du stumm dort?
Hast du mir, deiner Gattin, nichts zu sagen?

Kreon
Warum bist du in mein Reich gekommen?

Medea
Mit jener Macht, die mein Schmerz mir verlieh!
Mit dem heiligen Recht, das man mir rauben will!
Denn Jason ist mein!

Jason
Dein bin ich? Ich? Wirklich
überwältigte mich einst deine Zauberei!
Nun bin ich von dir befreit!

Kreon
Medea, geh fort!
Vernimm mein Gebot und folge ihm.
Heute sieht die Sonne dich noch nicht als Sklavin,
doch bei Tagesanbruch wird sie dich als Gefangene sehen.

Medea
Drohst du, so drohe auch ich!
Wenn Jason Gatte deiner Tochter Glauce wird,
so schwöre ich hier, daß ich sein Weib ihm nehmen
und sie so quälen werde, daß sie zuletzt stirbt.
 
(Glauce sinkt in die Arme ihrer Damen; Jason versucht sie zu trösten.)

Kreon
Zittere vor mir, schlechte Frau, böse Zauberin!
Verworfene, grausame Frau!
Kreon mit seiner Macht
wird die Macht deiner schwarzen Kunst brechen.
Elende Frau, schon erwartet dich das Höllenfeuer!
Morgen werden sich die Götter an deinen Höllenqualen weiden!

Zittern mußt du vor dem Geschick, das dich erwartet.

Glauce
O Himmel! Nur du kannst mich retten!

Kreon
Für dich dämmerte ... dein letzter Tag!

Chor
O Himmel!
Höre mich hier flehen!
Glauce mußt du retten!

Kreon
Ah, dein letzter Tag ist gekommen!
Elende, verworfene Frau,
grausame, ewige Qual, schon erwartet dich die Hölle!
Dein letzter Tag ist gekommen!
Zittre nun, usw.
(Kreon geht mit Glauce davon.)
 
Medea
Du schweigst, Jason, und blickst starr zu Boden?
Ein harter Kampf wütet in dir:
die neue und die alte Liebe bekämpfen einander in dir.

Jason
Nicht mehr! Mich selbst betrog ich damals,
als ich dir Liebe schwor!
Verräter wurde ich an meinem Wert,
meine Ehre warf ich in den Schmutz!

Medea
Falsch und grausam sind deine Worte,
unwert eines Jason!
Erinnerst du dich des Tages,
da du mich zum erstenmal sahst?
Himmlische Freuden auf Erden erträumten wir uns,
gemeinsam gaben wir uns der heiligen, himmlischen Liebe!

Wachte ich nicht treu über dich?
Zerstörte ich nicht die Macht deiner Feinde?
Verschmähte ich nicht, um dein zu sein, die königliche Hand?

Opferte ich dir nicht meinen Bruder?
Jason, höre! Höre mich einmal noch an!

Die Mutter deiner Kinder siehst du hier
besiegt und schmerzerfüllt,
durch dich ins Leid gebracht
und noch von dir verstoßen.
Du weißt, wie sehr ich dich einst liebte, Grausamer,
teuer war ich dir einst, Grausamer, usw.
Allein bin ich nun, ohne Liebe, verstoßen, schmerzerfüllt.
Wärest du mir nie erschienen,
so wäre ich noch gut, usw.
 
So fühlte ich noch Erbarmen!
Mein Herz würde die schrecklichen Leidenschaften
nicht kennen; die Nacht verginge mit guten Träumen,
der Tag verginge mir heiter.
Einstmals war ich glücklich,
ich hatte einen Vater, eine Heimat,
alles habe ich dir gegeben;
mein Gemahl, kehre zurück zu mir!
Grausamer! Nichts anderes will ich als dich,
Medea fleht dich an,
Medea wirft sich dir zu Füßen!
Hab Mitleid! Um der großen Liebe willen, die ich für dich empfinde.

Kehre zurück zu mir! Gemahl, kehre zu mir zurück! usw.

Kehre zurück! Gnade!

Jason
Vergebens sind die Drohungen, Bitten, Leiden!
Geh fort von hier! Kreon drohte dir;
gedenke seiner Worte!
Mich erwartet froh die Morgendämmerung
im Brautbett bei meiner geliebten Glauce.

Medea
Herzlose Feinde, arglistige Rivalin,
die ihr mich quälen wollt!
Die Götter der Unterwelt rufe ich als Zeugen
meines Fluches herbei
nebst den Göttern des Olymp!
Diesen Ehebund voll Verrat
wird niemand segnen, nein!
Ich schwöre bei den Göttern:
niemand kann diesen Ehebund
voll Verrat segnen.
Dieser Ehebund wird nicht geschlossen,
das schwöre ich vor den Göttern!
Dieser Ehebund wird nicht geschlossen!
 
Jason
Laßt, o Götter,
ihre unheilvolle Drohung nicht erfüllt sein;
laßt unbehelligt den König
von ihrer Rache sein!
Das Reich und das heilige Land,
o Götter, beschützet gnädig.

Medea, Jason
O verhängnisvolles Goldenes Vlies,
bitterer Ruhm des Sieges!
Blut und Tränen
kostest du eines Tages uns!

Medea
Um den Verräter zu bestrafen, den ich verachte,
lehre mich, o Kolchis, deine grausamsten Schrecken!

Jason
Schreckliche, elende Zauberin,
Verstoßene du mit grausamen Herzen,
geh fort, geh fort von hier,
dich erwartet Vergeltung!

Medea
Fliehen?

Jason
Entferne dich von hier!
 
Medea
Fliehen?

Jason
Vergeltung erwartet dich, usw.
Geh fort!

Medea
Ah! Fliehen! Fliehen?
Wenn dies mein Los ist, Grausamer,
so wird Medea auf ihrer Flucht
dir dein Herz aus dem Leib reißen!
Grausamer!

Jason, Medea
O verhängnisvolles Goldenes Vlies, usw.

Jason
Mächtig ist der König,
seine Wut mußt du fürchten!
Korinth und sein König wissen,
o Götter, alle zu retten!

Medea
Für dich wird der Hochzeitstag niemals kommen!
Bitterer Ruhm des Sieges,
o du verhängnisvolles Goldenes Vlies!

Jason, Medea
O du, schreckliches Goldenes Vlies,
schreckliche Qual hast du uns gebracht.
Ah! Schreckliche Tugend der edlen Helden,
schreckliche Qual hast du uns gebracht!
O du verhängnisvolles Goldenes Vlies!